Flensburger Hefte

Liebe Leben

Homosexualität und die Vielfalt der Lebensformen in Zeiten der Individualisierung

ISBN: 978-3-926841-93-3
Einband: kartoniert
Informationen: 192 Seiten
Inhaltsverzeichnis: Download als PDF
Preis: 15,00 €

Kurzbeschreibung

Mit Beiträgen von Christoph Kranich, Anna Merklin, Linda Steger, Christiane Hauch, Marnix Schaubroeck, Gabriele Schneider, Elisabeth Buser, Erika Gdynia, Jan Wandtke, Michael Schlegel. Etliche weitere Autorinnen und Autoren können oder wollen aus den verschiedensten Gründen nicht namentlich genannt werden. Dieses Buch ist innerhalb mehrerer Jahre im Arbeitskreis “Bi/Homosexualität und Anthroposophie” entstanden.

 

 

Die Bandbreite anthroposophischer Literatur ist umfassend, zu fast allen Bereichen des Lebens ist etwas geschrieben worden - allerdings nur zu fast allen: Homosexualität wird bisher kaum thematisiert, und das in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen zu den unterschiedlichen Formen der Liebe bekennen. Angesichts dieser erstaunlichen Einseitigkeit hat sich eine Gruppe von Menschen auf den Weg gemacht, moderne Gedanken der Anthroposophie aufzugreifen, um Erkenntnisstreben und Lebensrealität in ein neues Verhältnis zu bringen.

In diesem Buch wird ein weiter Bogen geschlagen: von der Klärung methodischer Voraussetzungen bis hin zur höchsten Dimension der Liebe, der sprirituellen. Dazwischen entfaltet sich die Vielfalt des realen Lebens: die vier Dimensionen der Liebe, die wichtigsten Richtungen der Liebe, die Frage nach Mann und Frau als Geschlechtern der Liebe, die sozialen Formen der Liebe und schließlich Materialien zu einer Pädagogik der Liebe. Viele Interviews und biographische Berichte, aber auch einige Auszüge aus der Schönen Literatur ergänzen die theoretische Auseinandersetzung.

Während bis heute viel zu oft nur die Risiken und Nebenwirkungen 'abweichender' Lebens- und Liebensformen beschworen wurden, suchen die Autorinnen und Autoren dieses Buches vor allem die Chancen und möglichen Aufgaben, die mit der Vielfalt des Lebens und Liebens einhergehen.

 

 

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Rezension in: Die Christengemeinschaft, 10/2000
Rezensent: Frank Hörtreiter

Formen der Liebe

In eine Wand des Schweigens und der Verlegenheit schlägt dieses Buch eine Bresche, indem es Formen und Beweggründe der Zuneigung und des Zusammenlebens von gleichgeschlechtlichen Paaren anfänglich aufzeigt. Der Stil ist eigentümlich schwebend und unpersönlich, was davon herrühren mag, daß der Text von einer ganzen Arbeitsgruppe verfaßt wurde. Aber wenn man bedenkt, daß dieses Beziehungsfeld noch vor wenigen Jahren kaum unverhohlen behandelt werden konnte, weil es noch dem Strafrecht unterlag, ist es verdienstvoll, daß nun Menschen, die aus der Anthroposophie ihre Gesichtspunkte gewinnen, in anregendem Wechsel von geistesgeschichtlichem Exkurs, Interview, soziologischer Erwägung und menschenkundlicher Betrachtung Erscheinungsformen und Probleme der Homosexualität beschreiben.

Das Beste an dem Buch scheint mir zu sein: Homosexualität ist hier nicht allbestimmend. Sie wird eingebettet in die Perspektive einer Liebe, die wir Menschen – unabhängig von unserer geschlechtlichen Orientierung – erst noch zu gewinnen haben. Jeder ist zunächst eine Individualität, die es zu entwickeln gilt, ganz gleich von welchen leiblichen und seelischen Voraussetzungen er ausgeht.

 

Rezension in: Info3, 10/2000
Rezensent: Felix Hau

Ein gutes Buch – aber deutlich zu spät

Das dicke Lob zuerst: In dem Buch steckt viel Arbeit. Sowohl konzeptionell-gestalterische, als auch – und vor allem – bewußtseinsmäßige. Während der langjährigen Treffen der anthroposophischen Arbeitsgruppe, aus der die Publikation hervorging – die BiSophen formierten sich bereits vor 17 Jahren – ist ein Grad der individuellen Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie im Hinblick auf die Lebensbereiche Liebe und ihre Sphären im allgemeinen, gleichgeschlechtliche Liebe im besonderen und der konstruktiven Kommunikation erreicht worden, der seinesgleichen in den Hintergründen der Flut oft genug seichter Veröffentlichungen zum Thema lange suchen muß. Den AutorInnen ist es gelungen, ein buntes Tableau von Lebensentwürfen zu präsentieren, das durch das in Erscheinungtreten der jeweiligen Architekten dieser Entwürfe, die offen den nicht immer leichten Umgang mit ihrer sogenannten “sexuellen Ausrichtung” in aufgezeichneten Gesprächen oder eigenen Textbeiträgen beschreiben, zu einem ausgesprochen interessanten und sehr persönlichen Leseerlebnis wird.

Ergänzt werden die autobiographischen Skizzen durch die Standortbestimmung der Sexualität als lediglich eines von vielen die menschliche Persönlichkeit prägenden Mosaiksteinchen; anstelle seines Geschlechts soll der jeweilige Mensch selbst in den Blick rücken. Spotlights wirft das Buch auch auf einige wissenschaftliche Erörterungen zu einzelnen Sequenzen des umfassenden Themas “Liebe, Geschlechter und Sexualität”. Erfreulich dabei, daß vor den Äußerungen von Autoren wie Sigmund Freud, denen man in unseren Zusammenhängen meist mit leichtem Fremdeln, offener Feindschaft oder schlichter Ignoranz begegnet, nicht Halt gemacht wird. Gerade durch die Einbeziehung der unterschiedlichsten Positionen wird Liebe Leben zu einem beispielhaft vielschichtigen, dokumentarischen Denkanstoß.

Meine dennoch zu äußernde Kritik trifft somit nicht wirklich das Buch. Es ist auch keine eigentlich inhaltliche Kritik, sondern vielmehr ein leichtes Unbehagen, das diese Veröffentlichung begleitet. Ich gestehe freimütig, daß ich in meiner Urteilsfindung lange hin- und hergerissen war (und noch bin) und diese Rezension deshalb auch erst mit einiger Verspätung erscheint. Das Unbehagen rührt nicht etwa, wie jetzt mancher vermuten mag, von der Konfrontation mit dem Thema “gleichgeschlechtliche Liebe” her. Ich bin selbst schwul und pflege mit diesem Thema einen offenen Umgang. Aber genau das ist der Punkt: Worin besteht ein offener Umgang mit den vielfältigen Formen der Liebe und der eigenen Sexualität? Ist das Unterfangen einer Publikation, die das Thema Homo- oder Bisexualität (mit oder ohne weiter gefaßten Kontext) aufgreift, nicht auch immer ein Beleg eben gerade für den Umstand, daß ein offener Umgang mit den verschiedenen Lebensformen, sexuellen Ausrichtungen und Sphären der Liebe nicht erfolgt? Wäre ein Buch vorstellbar, das den Untertitel “Heterosexualität und die Vielfalt der Lebensformen ...” trägt?

Die Anzahl der veröffentlichten Bücher zu sogenannten “Randgruppenthemen” sind – wenigstens im Rahmen demokratischer Gesellschaften – immer ein Gradmesser für die Akzeptanz: Je öfter und eindringlicher eine Randgruppe sich selbst als solche thematisiert oder thematisiert wird, je größer das Darstellungsbedürfnis der “Betroffenen” als “Betroffene” ist, desto mehr ist die Randgruppe noch Randgruppe und desto weiter ist das Ziel einer Integration, eines offenen Umgangs mit dem jeweiligen Thema – und zwar auch und vor allem unter den “Betroffenen” selbst – (noch) entfernt. Das war, wohlgemerkt, selbstredend nicht immer so, sondern gilt erst im Umfeld einer offenen Gesellschaft, die wir allerdings heute weitestgehend erreicht haben.

Nun wäre es Blindheit, wenn ich leugnen wollte, daß Homo- oder Bisexualität gesamtgesellschaftlich nach wie vor “im Gespräch” sind und noch lange nicht überall auf Akzeptanz stoßen. Insofern wird es sicherlich noch über einen längeren Zeitraum Veröffentlichungen zum Thema geben.

Mein Unbehagen hat also im Kern einen noch anderen Grund: Denn was gesamtgesellschaftlich gilt, muß nicht unbedingt auch für das anthroposophische Umfeld zutreffen. Um es auf den Punkt zu bringen: Das erkenntnismäßige Ergreifen der Homosexualität im Rahmen der Anthroposophie und in bezug auf das Umfeld der anthroposophischen Bewegung kommt um ganze Dekaden zu spät. Und ich sage bewußt nicht “mit Verspätung”, sondern wirklich und deutlich zu spät.

Es ist eben nicht wahr, “daß dieses Beziehungsfeld noch vor wenigen Jahren kaum unverhohlen behandelt werden konnte (weil es noch dem Strafrecht unterlag)”, wie Frank Hörtreiter, Pfarrer der Christengemeinschaft in Hamburg, in seiner sehr wohlwollenden Rezension für die Zeitschrift Die Christengemeinschaft schreibt. Dieses Beziehungsfeld wurde bereits vor 30 Jahren unverhohlen öffentlich behandelt. Rosa von Praunheims Skandalfilm Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt beispielsweise erregte 1970 die Gemüter und führte zu Diskussionen – ungeachtet des § 175! Es wirkt somit reichlich anachronistisch, wenn Anthroposophen, die doch ansonsten immer individualistisch und ihrer Zeit weit voraus sein wollen und somit die Diskussion der gleichgeschlechtlichen Liebe – wenn überhaupt – vor spätestens 40 Jahren hätten antizipieren und allmählich in Wohlgefallen auflösen müssen, ein Thema nun mehr oder weniger erstmalig in einer Publikation behandelt finden, das außerhalb anthroposophischer Zusammenhänge den Zenit der Auseinandersetzungen und Positionskämpfe seit gut und gerne 20 Jahren überschritten hat.

Das Tragische ist, daß m.E. die AutorInnen des vorliegenden Buches dennoch mit ihrer Veröffentlichung recht haben: im anthroposophischen Umfeld – die Beiträge (und nicht nur diese) zeigen es überdeutlich – gibt es dringenden Aufklärungsbedarf und offenbar eine Rechtfertigungserwartung – “zu spät” hin oder her. Das Problem ist nur: Diejenigen Hardliner, denen – wie Genadij Bondarew – zu Homosexualität lediglich das Wirken abgrundtief böser, die natürliche Ordnung störender Asuras einfällt, werden sich vermutlich auch durch die Erfahrungsberichte der Mitglieder der BiSophen nicht von ihren mittelalterlichen Vorstellungen abbringen lassen. Liebe Leben – das wird ihnen verschlossen bleiben.

Ein trotz oder gerade wegen der Kritik zu empfehlendes Buch.

 

Rezension in: Novalis, 10/2000
Ende eines Tabus?

Als Flensburger Heft 68 ist Anfang des Jahres 2000 das Buch “Liebe Leben. Homosexualität und die Vielfalt der Lebensformen in Zeiten der Individualisierung” erschienen.

Im Pressetext des Verlages heißt es u.a.: “Die Bandbreite anthroposophischer Literatur ist umfassend, zu fast allen Bereichen des Lebens ist etwas geschrieben worden – allerdings nur zu fast allen: Homosexualität wird bisher kaum thematisiert, und das in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen zu den unterschiedlichen Formen der Liebe bekennen. Angesichts dieser erstaunlichen Einseitigkeit hat sich eine Gruppe von Menschen auf den Weg gemacht, moderne Gedanken der Anthroposophie aufzugreifen, um Erkenntnisstreben und Lebensrealität in ein neues Verhältnis zu bringen.

In diesem Buch wird ein weiterer Bogen geschlagen: von der Klärung methodischer Voraussetzungen bis hin zur höchsten Dimension der Liebe, der spirituellen. Dazwischen entfaltet sich die Vielfalt des realen Lebens: die vier Dimensionen der Liebe, die wichtigsten Richtungen der Liebe, die Frage nach Mann und Frau als Geschlechtern der Liebe, und schließlich Materialien zu einer Pädagogik der Liebe. Viele Interviews und biographische Berichte, aber auch einige Auszüge aus der Schönen Literatur ergänzen die theoretische Auseinandersetzung.

Während bis heute viel zu oft nur die Risiken und Nebenwirkungen ‚abweichender‘ Lebens- und Liebensformen beschworen wurden, suchen die Autorinnen und Autoren dieses Buches vor allem die Chancen und möglichen Aufgaben, die mit der Vielfalt des Lebens und Liebens einhergehen.”

Das Buch ist innerhalb mehrerer Jahre im Arbeitskreis ‚Bi/Homosexualität und Anthroposophie‘ entstanden, der sich seit 1983 dreimal jährlich trifft. Die Initiatoren sind der Ansicht, “daß es für die Beschäftigung mit den darin angesprochenen Themenkreisen – z.B. im Unterricht der Waldorfschulen – wertvolle Anregungen enthält, zumal es bisher noch nichts Vergleichbares gibt.”

Die Mitglieder des Arbeitskreises haben in den letzten Jahren Ansätze zu einer neuen Sichtweise der (nicht nur gleichgeschlechtlichen) Liebe erarbeitet, die sie gerne zusammen mit Interessierten und Erfahrenen weiterentwickeln und vertiefen möchten.

Zu ihrem Anliegen und ihren Erfahrungen heißt es in einem Schreiben des Arbeitskreises: “Das Thema Homosexualität hat in den letzten Jahren auch in anthroposophisch orientierten Kreisen viel von seiner Unaussprechlichkeit verloren, und die Vielfalt der Lebensformen tritt im Alltag immer mehr in Erscheinung. Aber trotzdem erfahren wir in unserem Arbeitskreis immer wieder von großen individuellen und sozialen Nöten, hervorgerufen durch Desinteresse, Verleugnung und Angst. So wollen wir mit unserem Buch sowie mit dem Arbeitskreis auch Anregung und Hilfe geben, die ganze Spannweite von Liebe und Sexualität im sozialen Zusammenhang ins ‚rechte Licht‘ zu rücken, und Interesse, Respekt und Offenheit für die Vielfalt der Lebensformen und die Wirklichkeit der Individualität wecken.”

 

Rezension in: Adam, 10/00
Rezensent: Jens Pauli

Jahre arbeitete der Arbeitskreis “Bi/Homosexualität und Anthroposophie” am Buch, weil er erkannte, daß die Bandbreite anthroposophischer Literatur zwar umfassend ist, daß Homosexualität aber kaum thematisiert wird – und das zu einer Zeit, wo sich immer mehr Menschen zu den unterschiedlichsten Formen der Liebe bekennen. Während öfter Risiken “abweichender” Lebensformen behandelt werden, suchen die AutorInnen Chancen, die mit der Vielfalt des Lebens und Liebens einhergehen.

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