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Rezension FH 92 - Kulturdialog oder Kulturkampf. Islamische und westliche Werte im Gespräch
Rezension in: Die Drei, Nr. 7, Juli 2007
Rezensent: Gerd Weidenhausen
Der Band versteht sich als Beitrag zu einem nur selten stattfindenden Kulturdialog in einer Zeit, der nach dem Kalten Krieg das Feindmuster ausgegangen ist, bis Samuel Huntington meinte, die Unausweichlichkeit von Zivilisations- und Kulturkämpfen entdecken zu müssen. Dieses Konstrukt droht in Erfüllung zu gehen, weil verdünnte und vereinfachte Substrate aus Huntingtons "Kulturtheorie" mit einer enormen globalen Breitenwirkung inzwischen alle Parteien im vermeintlichen Kulturkampf erreicht und beeinflußt haben. Seitdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Kulturkampf von interessierter Seite geradezu herbeigeredet wird. Beispiele positiver Zusammenarbeit und eines funktionierenden Zusammenlebens und Dialogs werden von den Medien in ihrer Fixierung auf negative, weil die Verkaufszahlen ankurbelnde Schlagzeilen regelrecht ausgeblendet.
Das tun die Herausgeber der Flensburger Hefte mit vorliegendem Band nicht, der durch eine Fülle von Interviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Berufszusammenhängen besticht. Interviewt werden, um nur einige Beispiele zu nennen, ein Kamelführer und eine Schafhirtin aus dem Sinai, die Auskunft über die Werte der Mzaini-Beduinen geben. Ebenso eine Verkäuferin, die ihren Lebensweg in einem traditionell geprägten islamischen Umfeld schildert. Zu Wort kommen auch Erziehungs- und Religionswissenschaftler, erstere vornehmlich mit den Integrationsproblemen befaßt, die auch Ergebnis konservativer Familienstrukturen, eifrig gepflegter Tabus mitsamt der ganzen Doppelmoral einer sich selbst nicht verstehenden religiösen Tradition sind. Problematisiert wird anhand einer Fülle von Themen die allseits bekannte Konfliktzone entstehender Parallelgesellschaften, die nicht nur Folge unterschiedlicher Wertvorstellungen, sondern auch sozialer Disparitäten sind.
Eingeleitet wird der Band von einem Gespräch mit Freimut Duve, der als Politiker und Autor seit langem mit entwicklungspolitischen Fragen beschäftigt ist. Interessant hier die Einschätzung Duves, welch enorme, meist negative Rolle die westlichen wie arabisch-muslimischen Medien im "Bilderkrieg" um die politische und kulturelle Hegemonie spielen, die zum Teil erst durch die Berichterstattung die Ereignisse evozieren, die zu beschreiben sie vorgeben.
Udo Steinbach, seit 1976 Direktor des "Deutschen Orient Instituts" in Hamburg, wirbt im folgenden Gespräch für ein tieferes Verständnis der Aufgeregtheiten und Empfindlichkeiten in der muslimischen Welt, die im Westen allzu schnell als Anzeichen des Fanatismus und fundamentalistischer Verbohrtheiten gedeutet werden, indem er konstatiert: "In den islamischen Gesellschaften finden wir ein Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen, das wir in anderen Kulturkreisen so nicht feststellen können, obwohl diese im großen und ganzen das gleiche Schicksal erlebt haben wie die islamische Welt. Das hinduistische Indien, das buddhistische Asien, das konfuzianische China - sie alle hat der Westen unterworfen ... Deshalb muß man schon die Frage stellen, warum die islamische Welt gegenüber dem Westen so komplexbesessen reagiert." Eigentümlich kontrastiert nämlich die defizitäre wirtschaftliche, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Situation in vielen der arabischen Länder mit der im Koran (Sure 3, Vers 110) von Gott der islamischen Gemeinschaft attestierten Rolle, die da heißt: "Ihr seid die beste aller Gemeinden."
Schon alleine wegen der informativen und lehrreichen Ausführungen Udo Steinbachs über Geschichte, Wandel und Wesen des Islams lohnt die Lektüre der Flensburger Hefte. Komplettiert wird dieser Eindruck von dem hochinteressanten Interview mit dem Sufi-Lehrer und eingeweihten Meister des Nematollah Gonabadi Ordens, Dr. S.M. Aszmayesti. Dieser weist das Sufitum als einen Zweig der allgemeinen mystischen und gnostischen Strömung aus, die schon vor der Entstehung der monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islams existierten. Einer Politisierung der Religion, wie sie der schiitische Islam - spiegelbildlich zu den evangelikalen Fundamentalisten in den USA betreibt, lehnt der Sufi-Lehrer strikt ab. Gehorchten alle Gläubige dieser Auffassung, so wäre dem angeblichen Kulturkampf der Boden entzogen und der angestrengte Kulturdialog vollzöge sich im Klima eines selbstverständlichen Austauschs, der dieses Wort nicht mehr bedürfte.
Rezension in: Die Drei 7/06
Verbindende Mystik
Der Band versteht sich als Beitrag zu einem nur selten stattfindenden Kulturdialog in einer Zeit, der nach dem Kalten Krieg das Feindmuster ausgegangen ist, bis Samuel Huntington
meinte, die Unausweichlichkeit von Zivilisations- und Kulturkämpfen entdecken zu müssen. Dieses Konstrukt droht in Erfüllung zu gehen, weil verdünnte und vereinfachte Substrate
aus Huntingtons »Kulturtheorie« mit einer enormen globalen Breitenwirkung inzwischen alle Parteien im vermeintlichen Kulturkampf erreicht und beeinflusst haben. Seitdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Kulturkampf von interessierter Seite geradezu herbeigeredet wird. Beispiele positiver Zusammenarbeit und eines funktionierenden Zusammenlebens und Dialogs werden von den Medien in ihrer Fixierung auf negative, weil die Verkaufszahlen ankurbelnden Schlagzeilen regelrecht ausgeblendet.
Das tun die Herausgeber der Flensburger Hefte mit vorliegendem Band nicht, der durch eine Fülle von Interviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Berufszusammenhängen besticht. Interviewt werden, um nur einige Beispiele zu nennen, ein Kamelführer und eine Schafhirtin aus dem Sinai, die Auskunft
über die Werte der Mzaini-Beduinen geben. Ebenso eine Verkäuferin, die ihren Lebensweg in einem traditionell geprägten islamischen Umfeld schildert. Zu Wort kommen auch Erziehungs- und Religionswissenschaftler, erstere vornehmlich mit den Integrationsproblemen befaßt, die auch Ergebnis konservativer Familienstrukturen, eifrig gepflegter Tabus mitsamt der ganzen Doppelmoral einer sich selbst nicht
verstehenden religiösen Tradition sind. Problematisiert wird anhand einer Fülle von Themen die allseits bekannte Konfliktzone entstehender Parallelgesellschaften, die nicht nur Folge unterschiedlicher Wertvorstellungen, sondern auch sozialer Disparitäten sind.
Eingeleitet wird der Band von einem Gespräch mit Freimut Duve, der als Politiker und Autor seit langem mit entwicklungspolitischen Fragen beschäftigt ist. Interessant hier die Einschätzung Duves, welch enorme, meist negative Rolle die westlichen wie arabisch-muslimischen Medien im »Bilderkrieg« um die politische und kulturelle Hegemonie spielen, die zum Teil erst durch die Berichterstattung die Ereignisse evozieren, die zu beschreiben sie vorgeben.
Udo Steinbach, seit 1976 Direktor des »Deutschen Orient Instituts« in Hamburg, wirbt im folgenden Gespräch für ein tieferes Verständnis der Aufgeregtheiten und Empfindlichkeiten
in der muslimischen Welt, die im Westen allzu schnell als Anzeichen des Fanatismus und fundamentalistischer Verbohrtheiten gedeutet werden, indem er konstatiert: »In den islamischen Gesellschaften finden wir ein Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen, das wir in anderen Kulturkreisen so nicht feststellen können, obwohl diese im großen und ganzen das gleiche Schicksal erlebt haben wie die islamische Welt. Das hinduistische Indien, das buddhistische Asien, das konfuzianische China sie alle hat der Westen unterworfen … Deshalb muß man schon die Frage stellen, warum
die islamische Welt gegenüber dem Westen so komplexbesessen reagiert.« Eigentümlich kontrastiert nämlich die defizitäre wirtschaftliche, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Situation in vielen der arabischen Länder mit der im Koran (Sure 3, Vers 110) von Gott der islamischen Gemeinschaft attestierten Rolle, die da heißt: »Ihr seid die beste aller Gemeinden.« Schon alleine wegen der informativen und lehrreichen Ausführungen Udo Steinbachs über Geschichte,
Wandel und Wesen des Islam lohnt die Lektüre der Flensburger Hefte. Komplettiert wird dieser Eindruck von dem hoch interessanten Interview mit dem Sufi-Lehrer und eingeweihten Meister des Nematollah Gonabadi Ordens, Dr. S. M. Azmayesti. Dieser weist das Sufitum als einen Zweig der allgemeinen mystischen und gnostischen Strömung aus, die schon vor der Entstehung der monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam existierten. Einer Politisierung
der Religion, wie sie der schiitische Islam spiegelbildlich zu den evangelikalen Fundamentalisten in den USA betreibt, lehnt der Sufi-Lehrer strikt ab. Gehorchten alle Gläubige dieser Auffassung, so wäre dem angeblichen Kulturkampf der Boden entzogen und der angestrengte Kulturdialog vollzöge sich im Klima eines selbstverständlichen Austauschs, der dieses Wortes nicht mehr bedürfte.
Gerd Weidenhausen
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