Kulturdialog oder Kulturkampf?
 
Islamische und westliche Werte im Gespräch
Mit Beiträgen von: Seyed Mostafa Azmayesh, Dalia Azzam, Katrin Biallas, Katharina von Bechtolsheim, Freimut Duve, Mariam El Awad, Helmut Gabel, Sliman Abu Hmed, Monika Mielke, Ida Umm Musa, Wolfgang Schimmang, Udo Steinbach, Abul Basit Tariq, Ahmet Toprak, Wolfgang Weirauch
Flensburger Hefte Nr. 92
ISBN 978-3-935679-33-6
kartoniert,
220 S.,
73 sw. Abb. 
 
15,00 € 

Kein Mensch lebt heute in einem Land unter Menschen mit nur einer Kultur und Religion. Niemand kann heute noch den Anspruch erheben, daß seine eigene Kultur, seine Religion die einzig wahre sei.

Aber - wie ist die Realität derzeit? Brennende dänische Fahnen, aufgeputschte Volksmassen, Beleidigung einer Religion durch Karikaturen, Folter im Namen der Demokratie, Gewalt gegenüber Ausländern - ist das die Welt, in der wir einander mit Respekt und Toleranz begegnen?

Weltweit droht die Stimmung derzeit zu kippen. Vorurteile schieben sich in unsere Vorstellungen und trüben den unvoreingenommenen Blick auf den anderen Menschen, die andere Kultur, die andere Religion. Deshalb möchten wir mit diesem Buch einen Beitrag zum Kulturdialog leisten.

Wir berichten über die Hintergründe des Karikaturenstreits, die gegenseitigen Vorurteile im Westen und in islamischen Ländern und über den politischen Islam. Wir werfen einen Blick auf die Beduinen auf dem Sinai; wir schauen auf Berlin, speziell auf die Integrationsprobleme in Stadtteilen wie Neukölln und auf den Widerstand gegen den Bau einer Moschee in Pankow. Außerdem beleuchten wir die Familienstrukturen konservativer türkischer Familien und die daraus entstehenden Integrationsprobleme der Migranten.

Rezension FH 92 - Kulturdialog oder Kulturkampf. Islamische und westliche Werte im Gespräch
Rezension in: Die Drei, Nr. 7, Juli 2007
Rezensent: Gerd Weidenhausen

Der Band versteht sich als Beitrag zu einem nur selten stattfindenden Kulturdialog in einer Zeit, der nach dem Kalten Krieg das Feindmuster ausgegangen ist, bis Samuel Huntington meinte, die Unausweichlichkeit von Zivilisations- und Kulturkämpfen entdecken zu müssen. Dieses Konstrukt droht in Erfüllung zu gehen, weil verdünnte und vereinfachte Substrate aus Huntingtons "Kulturtheorie" mit einer enormen globalen Breitenwirkung inzwischen alle Parteien im vermeintlichen Kulturkampf erreicht und beeinflußt haben. Seitdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Kulturkampf von interessierter Seite geradezu herbeigeredet wird. Beispiele positiver Zusammenarbeit und eines funktionierenden Zusammenlebens und Dialogs werden von den Medien in ihrer Fixierung auf negative, weil die Verkaufszahlen ankurbelnde Schlagzeilen regelrecht ausgeblendet.

Das tun die Herausgeber der Flensburger Hefte mit vorliegendem Band nicht, der durch eine Fülle von Interviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Berufszusammenhängen besticht. Interviewt werden, um nur einige Beispiele zu nennen, ein Kamelführer und eine Schafhirtin aus dem Sinai, die Auskunft über die Werte der Mzaini-Beduinen geben. Ebenso eine Verkäuferin, die ihren Lebensweg in einem traditionell geprägten islamischen Umfeld schildert. Zu Wort kommen auch Erziehungs- und Religionswissenschaftler, erstere vornehmlich mit den Integrationsproblemen befaßt, die auch Ergebnis konservativer Familienstrukturen, eifrig gepflegter Tabus mitsamt der ganzen Doppelmoral einer sich selbst nicht verstehenden religiösen Tradition sind. Problematisiert wird anhand einer Fülle von Themen die allseits bekannte Konfliktzone entstehender Parallelgesellschaften, die nicht nur Folge unterschiedlicher Wertvorstellungen, sondern auch sozialer Disparitäten sind.

Eingeleitet wird der Band von einem Gespräch mit Freimut Duve, der als Politiker und Autor seit langem mit entwicklungspolitischen Fragen beschäftigt ist. Interessant hier die Einschätzung Duves, welch enorme, meist negative Rolle die westlichen wie arabisch-muslimischen Medien im "Bilderkrieg" um die politische und kulturelle Hegemonie spielen, die zum Teil erst durch die Berichterstattung die Ereignisse evozieren, die zu beschreiben sie vorgeben.

Udo Steinbach, seit 1976 Direktor des "Deutschen Orient Instituts" in Hamburg, wirbt im folgenden Gespräch für ein tieferes Verständnis der Aufgeregtheiten und Empfindlichkeiten in der muslimischen Welt, die im Westen allzu schnell als Anzeichen des Fanatismus und fundamentalistischer Verbohrtheiten gedeutet werden, indem er konstatiert: "In den islamischen Gesellschaften finden wir ein Unterlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen, das wir in anderen Kulturkreisen so nicht feststellen können, obwohl diese im großen und ganzen das gleiche Schicksal erlebt haben wie die islamische Welt. Das hinduistische Indien, das buddhistische Asien, das konfuzianische China - sie alle hat der Westen unterworfen ... Deshalb muß man schon die Frage stellen, warum die islamische Welt gegenüber dem Westen so komplexbesessen reagiert." Eigentümlich kontrastiert nämlich die defizitäre wirtschaftliche, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Situation in vielen der arabischen Länder mit der im Koran (Sure 3, Vers 110) von Gott der islamischen Gemeinschaft attestierten Rolle, die da heißt: "Ihr seid die beste aller Gemeinden."

Schon alleine wegen der informativen und lehrreichen Ausführungen Udo Steinbachs über Geschichte, Wandel und Wesen des Islams lohnt die Lektüre der Flensburger Hefte. Komplettiert wird dieser Eindruck von dem hochinteressanten Interview mit dem Sufi-Lehrer und eingeweihten Meister des Nematollah Gonabadi Ordens, Dr. S.M. Aszmayesti. Dieser weist das Sufitum als einen Zweig der allgemeinen mystischen und gnostischen Strömung aus, die schon vor der Entstehung der monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islams existierten. Einer Politisierung der Religion, wie sie der schiitische Islam - spiegelbildlich zu den evangelikalen Fundamentalisten in den USA betreibt, lehnt der Sufi-Lehrer strikt ab. Gehorchten alle Gläubige dieser Auffassung, so wäre dem angeblichen Kulturkampf der Boden entzogen und der angestrengte Kulturdialog vollzöge sich im Klima eines selbstverständlichen Austauschs, der dieses Wort nicht mehr bedürfte.

 

 
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Aktualisiert: 03.09.2007