|
Rezension in: Erziehungskunst 10/1991
Rezensent: Felicitas Vogt
Es ist dies nun das dritte "Heft" dieses Themenbereiches. Carola Cutomo bestritt das erste Heft mit dem Titel "Medialität - Besessenheit - Wahnsinn"; das zweite Heft (Nr.13) trug den Titel "Hexen, New Age, Okkultismus" und ein viertes Heft wird im Herbst 1991 erscheinen.
Das vorliegende buchstarke "Heft" gliedert sich deutlich in zwei Teile: Der erste Teil beinhaltet Interviews und Beiträge Betroffener aus der Sektenszene. Ins Zentrum werden die Mun-Sekte, Scientology-Sekte und die Bewegung der Weißen Quelle gestellt. Im zweiten Teil werden (mehr oder weniger) die schwarz-magischen Rituale und die Sexualmagie bearbeitet.
Peter Krause, Pfarrer der Christengemeinschaft, gibt in dem ersten Beitrag des Buches "Seelsorge und Spiritualität" eine übersichtliche, mit klaren Standpunkten gesicherte Darstellung der unterschiedlichen Wege und Irrwege heutiger Geist-Sucher. Die klaren Standpunkte, auf geisteswissenschaftlicher Erkenntnis gründend, können Orientierung geben im heutigen Dschungel okkulter Angebote. Gideon Flachsmanns Bewegung der Weißen Quelle ordnet er, nachdem er sie aphoristisch auf den theologischen Prüfstein legt, einer eher verworrenen bzw. verwirrenden Geistesrichtung zu, die aus einem Konglomerat Steinerscher Geisteswissenschaft, selbstgeschaffener Lehre und des Okkultismus des Benisa Duno's zusammengesetzt scheint. So stellt Krause z.B. den heutigen Mediumismus anhand konkreter Beispiele in Frage und hinterfragt stets die Verbindung des heutigen im Bewußtsein erwachenden Menschen mit einer zeitgemäßen Geistesforschung.
Krause legt an Fallbeispielen dar, wie unzeitgemäß praktizierende Okkultismen und Spiritismen wirken. "Vieles von den früher üblichen Formen esoterischer Übung und okkulter Praktik ist mit dem Bewußtsein des Menschen des 20. Jahrhunderts nicht mehr vereinbar. Trotzdem erlebt manches eine Renaissance, aber so, daß man die daraus hervorgehenden Wirkungen deutlich in Frage stellen muß. Es treten als Folge sehr weitreichende Verunsicherungen ein ...". Krause entwickelt immer wieder das Leitmotiv es 20. Jahrhunderts: die zu erringende menschliche Freiheit und eine notwendige neue Spiritualität.
In dem darauffolgenden Interview geben die beiden Heilpädgogen Katharine und Klaus Engels einen zusammenfassenden Überblick über destruktive Kulte, deren Strukturen, Methoden und Gefahren sich deutlich abgrenzen von neuen religiösen Wegen. Deutlich und eindrucksvoll wird in diesem Interview das grundlegende Führerprinzip destruktiver Kulte beschrieben: Ruhm, Reichtum, Macht - jene drei Säulen antichristlicher Strömungen. Die Interviewten nehmen, wenn auch nur sehr knapp dargelegt, ebenfalls die Sektierergefahr der Anthroposophen (nicht der Anthroposophie!) unter die Lupe.
Interessant und zukunftsweisend wirkt die Darstellung des Projektes Pegasus, einer geplanten Kult-Klinik, wie sie so derzeit nur in Amerika besteht. Sicherlich werden wir - wie in jenem Pegasus-Projekt geplant - uns intensiv vorbereiten müssen auf eine Welle kultgeschädigter therapiebedürftiger Menschen.
Die Beiträge des Ehepaars Engels zeugen von Kenntnisreichtum, Engagement und Erfahrung in der Sektenszene. Eben dies kommt auch in dem autobiographischen Bericht "Mun-Child" zum Ausdruck, in dem Klaus Engels seine persönlichen Erfahrungen in der Mun-Sekte, das tiefe Leiden vor dem Sekteneintritt und den noch schmerzlichen Loslösungsprozeß von der Sekte in eindrucksvoller Weise darlegt. Es ist dies ein beredtes Zeugnis der großen geschickten Verführerkraft gesellschaftlicher Defizite, die so oft in die Sekten hineinführen, andererseits.
Aufschlußreich wie informativ ist das Interview mit N. Potthoff, dessen Sektenbericht ebenfalls genährt ist mit persönlicher Sektenerfahrung, in diesem Fall mit der Scientology-Sekte. Potthoff verarbeitet, gedanklich nachvollziehbar, seine Sektenkarriere und vermittelt dem Leser so freilassend Urteilskriterien.
Der zweite Teil des Buches behandelt im weitesten Sinne Magie, schwarze Magie, Sexualmagie. - Es wird, wie schon in Heft 13 ("Hexen, New Age, Okkultismus") dem Bericht und Interview von und mit Ulla von Bernus, einer Satanspriesterin, viel, vielleicht zuviel Raum gegeben. - Wiederum eine sehr breit angelegte Darstellung der verschiedensten schwarzmagischen Riten vermittelt dem Leser eine Fülle an Informationen. Jedoch fragt sich die Rezensentin, die sich seit etwa 20 Jahren mit Okkultismen verschiedenster Art auseinandersetzt, ob sich nicht eine breite Leserschaft erschlagen fühlen muß von den z.T. sehr detaillierten Darstellungen schwarzmagischer Riten, wenn nicht auf der anderen Seite gedankliche Verarbeitung auf anthroposophischer Grundlage ("Anthroposophie im Gespräch"!) die Fülle von Einzelfällen auf eine andere Ebene zu heben vermag. Der Sinn einer solchen Veröffentlichung wird fragwürdig, wenn sie nicht über eine äußere Darstellung dieser Phänomene, so wie sie in landläufiger Literatur in Fülle vorliegt, deutlich hinausreicht.
Unverständlich und überflüssig erscheint der Rezensentin das Bildmaterial dieses Buches. Es genügen zur Veranschaulichung der Inhalte die z.T. sehr lebensnahen und bildkräftigen Darstellungen in den Berichten und Interviews über diese schwarz- und sexualmagischen Praktiken. Sind sich die Verleger der Wirkung der Bilder nicht bewußt oder verbirgt sich doch eine Erwägung dahinter? Eine Fülle pornographischer Pressebilder bedient sich dieses illustrativen Mittels zur Genüge und muß in einem solchen Buch nicht mit aufgegriffen werden.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es ein sicherlich notwendiges Anliegen der Flensburger Hefte ist, den Zeigefinger an den Puls des Zeitgeschehens zu legen und darüber in unseren manchmal allzu "weltfremden Zusammenhängen" aufzuklären. Das wird auch mit diesem "Heft" wieder einmal verwirklicht. Dennoch bleibt die Frage, ob "in unseren Zusammenhängen" Aufklärung allein genügt?
Müssen wir nicht besonders angesichts des so drastisch dargestellten Wirkens des Bösen am Ende unseres Jahrhunderts mit besonderer Kraft und Dynamik darauf hinweisen, daß die menschliche Stellungnahme zum Bösen sich nicht erschöpfen kann in bloßer Darstellung des Bösen. Die Frage muß beantwortet werden: Wie können wir konkret der gewaltigen Macht des Bösen, die jeder von uns im eigenen Innern erleben kann, so entgegentreten, daß wir in unserem moralischen Wesen daran erkraften? Es gelten hier keine Gesetze und Urteile von Autoritäten, sondern eigene, individuelle Werte und Maßstäbe müssen errungen werden.
|