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Wolfgang Weirauch

Im Spiegel der Finsternis

 

Leseprobe:

Wolfgang Weirauch beschreibt in seinem Roman den Weg der Selbsterkenntnis eines Jugendlichen und die Konfrontation mit den Kräften des Bösen, die in jedem Menschen schlummern. Hier ein Auszug:

Am nächsten Tag nahm ihn der Meister mit in den Garten vor der Burg. Samuel sah zum ersten Mal die ganze Pracht der Blumen, Büsche und Bäume, denn bisher war er nur nachts hier gewesen. Achtlos war er vor einem Monat durch die Pflanzen getappt, und nun sah er, daß dieser Garten mit viel Liebe und Mühe angelegt worden war.

"Du siehst hier Pflanzen, die du auf dem Festland nicht kennenlernen wirst." Der Meister deutete auf einige besonders farbenprächtige Blüten. "In dieser heißen Gegend ist es keineswegs gewöhnlich, daß einige dieser Blumen hier gedeihen. Manche der kleinen Pflänzchen können hier nur leben, weil wir andere größere in ihrer Nähe gepflanzt haben. Andere wiederum müssen wir immer wieder ausreißen oder stutzen, weil sie zu sehr wuchern und den anderen den Lebensraum nehmen."

Der Meister zeigte ihm eine Pflanze nach der anderen, und Samuel kam aus dem Staunen nicht heraus. Er entdeckte viele bekannte Bäume, Kakteen und auch einige Blumen, aber auch eine Vielzahl unbekannter Pflanzen.

"Woher kommen alle diese Pflanzen?"

"Wenn meine Brüder und ich auf Reisen sind, nehmen wir oft die Samen einiger erlesener Pflanzen mit und versuchen, sie hier anzupflanzen. Das glückt keineswegs immer. – Schau dort am Felsrand, da wächst etwas, was du auch kennst."

Er führte Samuel zu der betreffenden Pflanze und forderte ihn auf, sie genau zu beschreiben.

"Das ist ein ..."

Aber Samuel wurde jäh unterbrochen. "Halt! Du sollst nicht ihren bloßen Namen nennen, sondern sie beschreiben."

Samuel wunderte sich ein wenig und starrte abwechselnd auf die Pflanze und den Meister, ehe es ihm zögernd von den Lippen kam. "Na ja, sie ist grün."

"Ist das alles, was du siehst?"

"Nein."

"Dann beschreibe, was du siehst."

"Ich sehe flache grüne Blätter, jeweils am oberen Ende des Blattes wächst ein neues heraus. An manchen Stellen scheint es abgefallen zu sein, dort ist dann eine braune Stelle."

"Ja, gar nicht schlecht", ermunterte ihn der Meister. "Und kannst du diese braune Stelle noch etwas beschreiben?"

"Es sieht aus, als wäre sie verholzt."

"Erinnert dich das an etwas?"

"Fast ist es wie eine Wunde, die verschorft ist."

"Sehr gut", lobte ihn der Meister. "Wie fühlen sich die Blätter an?"

Vorsichtig näherte Samuel sich der Pflanze und befühlte ein Blatt zwischen zwei Fingern: "Es ist sehr fest, aber biegsam, fast lederartig."

"Genau, diese Pflanze schützt sich durch die feste Haut ihrer Blätter und bewahrt dadurch ihren Lebenssaft in sich. Wodurch schützt die Pflanze sich noch?"

"Die Blätter haben Stacheln, lange Stacheln, die aus kleinen Punkten an jedem Blatt hervorwachsen, besonders an ihren schmalen Rändern."

"So ist es. Was fällt dir an den Blättern sonst noch auf? Schau sie dir alle zusammen an. Wie wachsen sie?"

"Es sieht wie ein wirres Durcheinander aus. Allerdings ..." Er zögerte einen Moment und fuhr dann fort: "Wenn auf der rechten Seite eines Blattes ein neues herauswächst, so wächst von diesem wiederum meistens links eines heraus. Dadurch wächst der Kaktus nach oben und nicht wieder zur Erde zurück."

"Ausgezeichnet", lobte der Meister. "Du siehst also, daß in diesem stacheligen Wirrwarr doch eine Ordnung ist. – Und nun schau hierher. Heute nacht ist etwas mit der Pflanze geschehen. Was siehst du?"

Samuel beugte sich ein wenig vor. "Eine Blüte!" rief er überrascht.

"Ja, es ist die erste in diesem Jahr. Bald kommen mehr. Beschreibe sie."

"Sie ist gelb, leuchtend gelb. Innen, in der Mitte, ist sie rot, das über ein Orangerot langsam in das Gelb der Blüte ausläuft. Sie hat viele Blütenblätter, die dicht aneinandergeschmiegt liegen. In der Mitte sehe ich auch kleine weiße Dinger und einen grünen Stengel, der daraus hervorkommt."

"Das sind die Staubgefäße und der Griffel mit der Narbe", erklärte der Meister. "Das hast du sehr gut gemacht. Nur eines fehlt noch, was wir jetzt nicht sehen. Aber da du diesen Kaktus genau kennst, wirst du es wissen."

"Die Frucht. Ich habe sie schon oft gegessen. Sie ist zwar sehr hart, und man kann auch nicht alles von ihr essen, aber ihr Saft ist köstlich erfrischend, besonders an heißen Tagen."

"Und konntest du sie einfach so abpflücken?"

Samuel überlegte kurz: "Nein, nur sehr vorsichtig, denn auch auf der Frucht sind kleine Stacheln."

"Siehst du, was ist das bloß für eine Pflanze, die sich überall mit Stacheln wehren muß und die auf einfachem Sandboden oder zwischen Steinen hervorwächst?"

"Sie verteidigt das Schöne, das sie hat, gegen eine rauhe Umwelt."

"Ja. Ich wiederhole noch einmal kurz, was wir alles zusammengetragen haben: Auf dem ärmsten Boden wächst die Pflanze, auf den ersten Blick in einem wirren Durcheinander, aber doch beständig bestrebt, nach oben dem Licht entgegenzuwachsen. Ihren Lebenssaft verbirgt sie hinter einer lederartigen Haut, in jedem Blatt schließt sie sich gegen die Umwelt ab und verteidigt sich sogar noch mit langen Stacheln. Eigentlich ist die Pflanze häßlich und unscheinbar, ja sogar ärgerlich und feindlich für andere Lebewesen, trotzdem entfaltet sie aus dieser unscheinbaren, nach außen sich wehrenden Hülle eine wunderschöne Blüte, die sich der Sonne öffnet. Und sie bildet sogar eine Frucht, die andere Wesen am Leben erhalten kann, wenn man richtig mit ihr umgeht."

Samuel war stumm geworden.

"Weißt du, wen ich da eben beschrieben habe?"

"Nein", antwortete er leise, aber eine Ahnung stieg in ihm auf.

"Dich selbst, Samuel. Auch du wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Auf den ersten Blick sieht man nur deine rauhe Schale, du stichst und verprügelst andere Menschen und verhältst dich oft so, als seien alle deine Feinde."

"Aber ...", Samuel wollte ihm etwas entgegnen, doch der Meister schnitt ihm das Wort ab: "Schweig jetzt. Du bist wie dieser Kaktus voller Stacheln gegen deine Mitmenschen. Jeder Stich mit Worten verletzt einen Menschen, und manchmal stichst du sogar ohne Grund, zum Beispiel als du mich angelogen hast. Auf den ersten Blick bist du genauso wirr wie dieser Kaktus: Scheinbar weißt du nicht, was du willst, aber trotzdem strebst du einem Ziel zu wie dieser Kaktus dem Licht. In dir verborgen liegen Fähigkeiten, die du entfalten mußt, damit du eines Tages auch so eine schöne Blüte entwickeln kannst, so daß später aus ihr eine Frucht reifen wird, mit der du anderen Menschen etwas schenken kannst."

Samuel starrte ihn mit offenem Mund an.

"Mach den Mund zu, Samuel, und schau dir einmal diesen Maulbeerbaum hier drüben an. Was sagt dir der Stamm?"

"Er ist auf jeden Fall völlig anders als der von den Kiefern dort oder den Dattelpalmen dahinten."

"Ja, aber was sagt er dir?"

"Sein Stamm ist alles andere als gerade. Er ist krumm und knorrig, manchmal richtig wulstig. Auch die Äste sind ähnlich, alle sind sie krumm. Ich sehe nirgendwo ein gerades Stück, das länger als mein Arm wäre."

"Schau dir den Stamm genauer an."

Samuel trat näher: "Na ja, er ist braun, ziemlich dunkel, vielleicht sogar etwas orangefarben. Er hat aber überhaupt keine glatte Oberfläche, die Rinde ist eingerissen, mit Furchen durchzogen, manchmal sogar etwas gefasert."

"Das hast du sehr schön beschrieben. Sieh dir jetzt die Blätter an. Sind sie auch so häßlich und zerklüftet wie der Stamm?"

"Nein, sie sind ganz regelmäßig und haben die Form eines Herzens, am Rande leicht gezähnt."

"So ist es. Betrachte dieses Blatt hier. Es hat die Form eines Herzens, zwei ganz gleichmäßig gebogene Flächen, die in einer kleinen Spitze zusammenlaufen. Aber nach außen wehrt es sich wieder mit Zacken. Sie sind nicht regelmäßig, sondern ziemlich ungleichmäßig, ähnlich unstetig wie der Stamm. – Hier siehst du die Beeren. Noch sind sie nicht reif und daher sehr sauer. Wenn sie ausgereift sind, haben sie ein angenehmes Aroma."

"Und hat dieser Baum auch Ähnlichkeit mit mir?" fragte Samuel interessiert.

"Vielleicht", antwortete der Meister leicht versunken, "allerdings dachte ich dabei mehr an jemand anderen. Ich kenne jemanden, der ähnlich wie du ein knorriges Äußeres hat, sowohl in seiner Gestalt als auch in seinem Wesen. Er war früher oft bärbeißig, unwirsch, oft auch grausam zu seinen Mitmenschen. Aber warum? Er hatte ein sehr hartes Schicksal, ein Unglück nach dem anderen traf ihn, bis er so knorrig wurde und mit Narben bedeckt war wie dieser Stamm des Maulbeerbaums. Aber in seinem tiefsten Inneren hatte er trotz aller schlechten Taten ein gütiges Herz, das er sich immer bewahrt hatte. Wer es erkannte, der wurde von ihm beschenkt, wer es verletzte, der wurde mit Zähnen zerfetzt. Viele Früchte hat er während seines Lebens entwickelt, die von unzähligen Menschen begehrt wurden. Manchmal entriß man sie ihm, aber dann schmeckten sie sauer, und man warf sie weg und beschimpfte ihn. Nur die, die warten konnten, genossen das Aroma der ausgereiften Frucht."

Samuel schaute den Meister an und wagte nicht, auch nur noch eine Frage zu stellen. Meinte er etwa sich selbst? Wenn er sich seine Gestalt ansah, mit den breiten, leicht gekrümmten Schultern, der knorpeligen Nase, dem gefurchten Kinn und den vielen Falten, so konnte er schon eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Wesen des Maulbeerstammes erkennen. Aber vielleicht irrte er sich auch, denn wenn er ehrlich war, so wußte er nichts über ihn.

Einen kurzen Moment blieb der Meister sinnend stehen, dann faßte er sich wieder und wandte sich Samuel zu: "Die Pflanzen sagen uns mehr über uns selbst, als wir zuerst glauben möchten. Du hast dir zum ersten Mal diesen Feigenkaktus richtig angeschaut, und schon hat er dir mehr über dich selbst erzählt, als du geahnt hast.

Wenn du in schlechter Stimmung bist, wenn du über so manche Ungerechtigkeit nachgrübelst, wenn du Rachegedanken schmiedest, wenn du dich gekränkt fühlst, vor allem aber, wenn du selbstherrlich und oberflächlich mit deinem Schicksal zufrieden bist, dann erfährst du nichts über dich. Willst du dich aber wirklich kennenlernen, mußt du in die Welt schauen. Die Welt – und dieser Kaktus gehört zur Welt – sagt dir mehr über dich, als du je ergründen kannst, wenn du ausschließlich über dich nachdenkst. Hier bei uns lernst du die Welt erkennen. Das ist ja das, was du wolltest, aber dabei wirst du auch dich mehr und mehr kennenlernen. Und ich sage dir, es ist nicht angenehm, was du über dich erfahren wirst. Sei froh, daß du noch nicht alles über dich weißt. Du würdest womöglich nicht mehr leben wollen, wenn du jede Einzelheit von dir kennen würdest.

Also merke dir: In den folgenden drei Jahren wirst du eine harte Schulung durchmachen, du wirst mehr und mehr über die Welt erfahren, und indem du die Welt kennenlernst, wirst du auch nach und nach begreifen, wer du selbst wirklich bist. Ganz besonders bei der vierten und schwersten Prüfung wird sich zeigen, ob du dich selbst aushalten kannst."

Damit entließ ihn der Meister. Samuel verbrachte den restlichen Tag allein, und abends stieg er auf den Westturm der Burg, setzte sich und schaute aufs Meer, bis die Sonne als roter Feuerball im Wasser versank.

 


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