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Flensburger Hefte 70 Träume- Was wollen sie uns sagen? Leseproben:
1. Nachstehender Beitrag ist der Beginn des Artikels "Lebendige Träume" von Wolfgang Weirauch, Redaktion Flensburger Hefte, über die Traumdeutung aus anthroposophischer Sicht:
Lebendige Träume Träume seien Schäume, so heißt es oft lapidar, Träume glichen Seifenblasen, zarten Gebilden – manchmal etwas farbig und in der Sonne schillernd –, die aber schon bald zerplatzen, nicht fähig, in der rauhen Wirklichkeit zu existieren. Aber sind Träume nicht viel mehr, "Schäume – aus dem Unendlichen", wie Ernst Jünger diesen Satz tiefsinnig fortführte? Der Herr gebe es den Seinen im Schlaf, ein bekanntes Bibelzitat steht der sprichwörtlichen Schaumtheorie des Traumes gegenüber. Trifft dieses nicht eher die Wirklichkeit? Denn schließlich ist es von Wissenschaftlern, Dichtern und Musikern bekannt, daß sie Entdeckungen, Romaninhalte oder Kompositionen träumten, bevor sie diese in die irdische Realität gebracht haben. Die Traumwelt ist reichhaltig, tiefsinnig, chaotisch, sie ist unlogisch, oft lächerlich, manchmal aber auch prophetisch. So fließend wie die Grenzen der Traumbilder sind, so vorsichtig sollte man auch mit einer allzu starren Traumdeutung sein. Es gibt nicht immer die einzige Traumauslegung! Gleiche Seeleninhalte können heute in das Bild eines dunklen Kellers, morgen in die Flucht vor einem Tiger gekleidet werden. Die schaurigsten Träume sind oft nichts weiter als unbedeutende Reminiszenzen des vergangenen Tages oder einer zu opulenten Speise, schönste Träume entspringen vielleicht nur einem vor dem Schlaf gehegten Wunsch. Oft träumt man auch das Gegenteil dessen, was wirklich Sache ist, und mitunter kommt es sogar vor, daß sich nahestehende Menschen in etwa den gleichen Traum haben. Aber es gibt sie doch, die seltenen Träume, die einen unmittelbar spüren lassen, daß sie aus einer Sphäre kommen, die größer und weisheitsvoller ist als wir!
Die Bewußtseinszustände Stellen Sie sich vor, Sie schlafen mit mehreren Menschen in einem Raum. Ihr Bewußtsein ist schwarz, dunkel, ganz dumpf, Sie merken nicht, daß Ihr linker Nachbar leise röchelt, der rechte unruhig zappelt, Sie nehmen auch nicht wahr, daß Sie selbst fortwährend mit dem linken Bein zucken. Sie denken nicht, Sie sehen nichts, Sie haben keine Wünsche, Sie freuen sich nicht, Sie haben keine Angst – Sie schlafen! Schlafbewußtsein nennt man diesen Zustand. Aber plötzlich dämmert es, goldenes Licht breitet sich über ihren Bewußtseinshorizont, und Sie bemerken, daß Sie in einem Ruderboot sitzen, welches über einen großen stillen dunklen See fährt. Es fährt von allein, niemand rudert. Das Boot liegt schwer im Wasser, denn es ist voller rot-goldener Äpfel. Wie von unsichtbarer Hand geführt, gleitet das Boot zum Ufer, wo eine kleine Hütte steht. Vor ihr sitzt ein alter Mann mit langem weißen Bart. Mit einem Mal stehen Sie vor ihm und wollen ihn begrüßen, aber nicht ein Wort dringt über Ihre Lippen. Sie sind irritiert, aber nicht verängstigt, denn Sie spüren, daß der alte Mann Sie freundlich anschaut und alles über Sie weiß. Daß man mit einem mit Äpfeln gefüllten Ruderboot über einen See fährt, mag ja noch vorkommen, aber es würde nie von allein fahren. Man würde auch nicht vom Boot ohne Übergang vor das Haus gelangen, wahrscheinlich würde einem unter normalen Umständen auch nicht die Stimme versagen, und man hätte nicht ohne weiteres das Gespür, daß ein Fremder alles über einen weiß. Hier handelt es sich um einen Traum. Man sieht Bilder, Symbole, Farben, Ereignisketten, man sieht sich selbst im Traum oder erlebt seine Gedanken und Gefühle. Vielleicht wird man von einem wilden Tier verfolgt, eine Schlange beißt einen in den kleinen Finger, man befindet sich im Gespräch mit Freunden oder fliegt wie ein Vogel durch Farbenfluten und unendliche Weiten. Der Traum ist ein anderer Bewußtseinszustand als der traumlose Schlaf. Bilder ziehen durch unser Bewußtsein, man lebt unmittelbar in der Welt der Gefühle, und mitunter scheint es sogar, als würde man denken, aber aktiv gestalten und verändern läßt sich diese Bilderwelt nicht. Die Traumwelt ist unlogisch. Wirkung folgt nicht auf Ursache, Gesetze des Raumes und der Zeit lösen sich auf, man denkt nicht analytisch, man kann seine Gedanken nicht mit dem Willen steuern, und der Wille – nicht nur im Denken, sondern auch in bezug auf jede ichgesteuerte Bewegung – kann im Traum normalerweise nicht aktiviert werden. Nüchternes Abwägen, überschauendes Urteilen, moralisches Handeln – sie alle sind dem Traumbewußtsein fremd. Und nun wachen Sie auf. Alle anderen schlafen noch. Sie schauen sich Ihre Umgebung an und springen auf, um sich einen Kaffee aufzubrühen. Schlagartig sind Ihnen die Geschehnisse des letzten Tages präsent, und Sie planen zielgerichtet die Aufgaben des vor Ihnen liegenden Tages usw. usf. Dieser Zustand – der des Wachbewußtseins – ist jedem vertraut.
2. Dieser Auszug aus dem Interview "Träume richtig deuten" mit Johannes W. Schneider, Vortragsredner und Seminarleiter, handelt von der Verschiedenartigkeit der Träume, z.B. von Flugträumen, weisheitsvollen und prophetischen Träumen:
Träume vom Fliegen Klaus-Dieter Neumann: Durch das Lesen Ihres Buches und der Beispiele für Angst- und Wunschträume, Wahrträume und Träume vom Tod sind mir einige meiner eigenen Träume wieder deutlicher bewußt geworden. Ab einem gewissen Alter in der Kindheit sind z.B. immer wieder Träume aufgetaucht, in denen ich zu meiner großen Freude fliegen konnte. Was liegt da vor? Johannes W. Schneider: Das Fliegen ist ein ganz typischer Einschlaftraum. Man träumt z.B., daß man den Kamm eines Berges entlanggeht, und auf einmal erhebt man sich und schwebt über der Landschaft. Das kann sogar ein Physikprofessor träumen, ohne daß er irgendwelche Bedenken hätte, abzustürzen. Denn das kritische Denken hört auf, sobald wir in den Traum hinübergehen. Typisch für einen solchen Einschlaftraum wäre es auch, wenn man nicht nur den festen Boden verläßt und beginnt, über der Landschaft zu schweben, sondern wenn dann auch allmählich die Landschaft unter einem entschwindet, während man weiter in den Himmel aufsteigt. Die Bilder lösen sich dann auf. Das Fliegen kann aber auch eine andere Bedeutung haben. Es kann Ausdruck einer seelischen Souveränität gegenüber dem Alltagsleben sein. Wenn jemand z.B. immer darunter gelitten hat, daß er sich nicht viel zutrauen konnte, und nun träumt, daß er über einer Landschaft fliegt und alles überschaut, dann kann das ein Anzeichen dafür sein, daß der Betreffende beginnt, seine Befangenheit und Ängstlichkeit zu überwinden. Dann wäre das ein Wahrtraum, der dem Träumenden im Symbol etwas über seine Situation aussagt. Sie erwähnten, daß diese Träume des Fliegens in der Kindheit auftraten. Es kann z.B. sein, daß ein Kind Schwierigkeiten mit dem Rechnen hat und oft nicht in der Lage ist, die Aufgaben zu lösen. Nehmen wir an, daß es sich dann durch Übung doch eine gewisse Souveränität im Umgang mit dem Einmaleins erwirbt, dann könnte das Fliegen im Traum diese einsetzende Souveränität widerspiegeln. Aber das müßte man im jeweiligen Fall erst untersuchen, ob ein Anlaß besteht, eine so weitgehende Deutung vorzunehmen. Zunächst sollte man das Naheliegende sehen, daß Fliegen ein typischer Einschlaftraum ist, genauso wie das Fallen, der Absturz, das Betreten einer Höhle oder das Kriechen in einer Röhre typische Aufwachträume sind. K.-D.N.: Nun gingen die Träume manchmal so weit, daß ich das Gefühl hatte, im Traum ein Stückweit aufzuwachen, so daß ich mir der bevorstehenden Situation des Fliegens bewußt wurde und das Fliegen herbeiführen und erüben konnte. Als Kind stieg ich dazu im Traum auf die Kommode in meinem Zimmer und sprang wiederholt, bis sich endlich ein Schweben einstellte. Später nutzte ich im Traum den Gegenwind, um langsam schwebend nach oben getragen zu werden und dann durch die Straßen zu gleiten. Es kam also öfter vor, daß der Traum einer gewissen Steuerung unterlag. Kennen Sie ähnliche Beispiele für ein solches "Aufwachen im Traum" und die Möglichkeit des Eingreifens in die Traumhandlung? J.W. Schneider: Anhand eines solchen Traumes kann man bemerken, wie das Ich wenigstens zart anfängt, in den Traumverlauf einzugreifen. Es ist ja kein richtiges Aufwachen, denn noch bin ich im Traum. Ich kann z.B. bestimmen, in welche Richtung ich fliege. Ich werde nicht durch die Traumhandlung in eine Richtung gedrängt. Auch in dem Beispiel, das Sie erwähnten, scheint es sich um Träume zu handeln, in denen das Ich durch eine Initiative eingreift. Das kann durchaus geschehen, und zwar muß das nicht durch eine Nähe zum Aufwachen bedingt sein, sondern kann auch in einer vollentfalteten Traumwelt geschehen. Solche Traumsituationen sind sehr interessant, weil es naheliegt, daß es sich dann um einen Wahrtraum handelt.
Weisheit aus der Welt des Tiefschlafes K.-D.N.: Ich würde gerne noch einen weiteren Traum erzählen. Mit etwa 20 Jahren hatte ich einmal einen bedeutsamen Traum, bei dem ich mir ganz sicher war – auch nach dem Aufwachen –, daß er wirklich und wahrhaftig geschah. Ich befand mich in den Himmeln, in geistigen Regionen, in denen ich von Wesen geleitet wurde, die mir eine starke Ehrfurcht einflößten. In einer sehr besonderen, ernsten und doch glücklichen Stimmung wurde mir gestattet, im Buch des Lebens zu lesen. Dieses Buch war außerordentlich umfassend und bestand wiederum aus vielen weiteren Büchern, aus denen ich eines auswählen durfte. Ich entschied mich für das Buch der Naturwissenschaften, in dem ich ausgiebig über die Geheimnisse der Beschaffenheit der Welt las. Einzelheiten daraus entschwanden mir nach dem Aufwachen sehr schnell, und ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern. Der Traum als ganzer war aber eine Art Richtungsweiser für mich. – Woher stammt die Weisheit, die einem in manchen Träumen zuteil werden kann? J.W. Schneider: Die Weisheit stammt aus der Welt des Tiefschlafes, also aus der geistigen Welt. Wahrträume spiegeln das Erleben des Tiefschlafes wider. Wenden wir uns einmal diesem Traum zu: Der Ausdruck Buch des Lebens ist ja aus der religiösen Überlieferung gut bekannt. In ihm sind alle Taten, Gedanken und Gesinnungen eines Menschen aufgezeichnet, die dann beim Jüngsten Gericht beurteilt werden. Der von Ihnen erzählte Traum geht dann noch über diese Bedeutung hinaus. Grundsätzlich kann man sagen, daß Wahrträume aber eigentlich nichts Allgemeingültiges schildern, sondern daß sie vornehmlich den Träumenden selbst meinen, sie betreffen einen selbst. Sie drückten es ja auch so aus, daß Sie diesen Traum als eine Art Richtungsweiser für Ihr Leben empfunden haben. Der Traum möchte auf eine bestimmte Richtung hinweisen, in diesem Fall durch das Lesen im Buch der Naturwissenschaften auf ein stärkeres Eingehen auf die Naturerkenntnis. Es hätte z.B. auch ein Buch der Seele sein können, aber Sie wählten das Buch der Naturwissenschaften. Schade, daß Sie sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern können. Entscheidend ist aber die Richtungsweisung, durch die eine bestimmte Tendenz im Leben nahegelegt wird.
3. Annemarie Schimmel, Professorin für Islamistik, Religionswissenschaften und indomuslimische Kultur, spricht in folgendem Interviewauszug ("Orientalische Träume") über ihre Beziehung zu den Träumen und die Bedeutung der Träume in der islamischen Welt:
"Es gibt eine Macht, die in die Zukunft Einsicht hat" Wolfgang Weirauch: Wie entstehen Ihrer Meinung nach die Träume? Annemarie Schimmel: Ich bin überzeugt, daß der Mensch in der Nacht Kontakt zu einer geistigen Welt hat. Im Islam unterscheidet man zwischen dem, was die Kenner "Traumgestrüpp" nennen, also Träume, die aus dem oberflächlichen Alltagsleben oder falscher Ernährung resultieren, und den wichtigen Träumen, in denen sich die Pläne, Ziele oder der Leitfaden im Schicksal eines Menschen widerspiegeln. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Traum von Friedrich August Kekulé, der von der Struktur des Benzolringes träumte. Wenn auch im kleineren Rahmen, so habe ich doch oft etwas Ähnliches erlebt. Auf jeden Fall hat man während des Traumes Kontakt zu einer anderen und höheren Weltebene, sonst könnte es nicht sein, daß wir die Zukunft vorausträumen und daß uns während des Traumes Verstorbene oder ganz entferntstehende Menschen erscheinen. Einer der interessantesten Träume in unserer Familie bezieht sich auf meinen Vater. Er ist am Ende des Zweiten Weltkrieges gefallen, und meine Mutter hat erstaunlich wenig von ihm geträumt. Aber Jahre später erzählte sie mir beim Frühstück: "Ich habe diese Nacht von Papa geträumt, und er rief mir zu, daß wir unsere Gesichter schützen sollten." Anschließend ging sie in die Küche und wollte ihren Sonntagskuchen backen. Plötzlich schoß eine Gasflamme aus dem Gasofen heraus, und meine Mutter hielt ganz instinktiv ihre Hände vor das Gesicht. Wie kann man so etwas erklären? Da muß man doch daran glauben, daß es eine Macht gibt, die in die Zukunft Einsicht hat und die warnen wollte. Diesen Traum haben meine Mutter und ich nie vergessen. Mein Vater war also nach seinem Tod noch in einer anderen Welt um uns besorgt. Ich habe es auch oft erlebt, daß verstorbene Menschen, die mir nahestanden, mir etwas im Traum gesagt haben. [...]
Die Toten als Lehrmeister der Lebenden W.W.: Welche Beziehung hat man in der islamischen Welt überhaupt zu den Toten? A. Schimmel: Es ist selbstverständlich, daß man von Toten träumt, weil die Beziehung zwischen Lebenden und Toten in der islamischen Welt auf der Annahme einer nur scheinbaren Trennung beruht. Die Toten befinden sich in der Welt der Wahrheit, und es findet eine ständige Begegnung zwischen den Lebenden und den Heeren der Toten statt. Inwieweit die Lebenden die Toten wahrnehmen, ist eine andere Sache. Dann gibt es die Vorstellung, daß die Toten in ihren Gräbern schlafen und am Jüngsten Tag wieder auferweckt werden. Sehr viel häufiger ist aber die Vorstellung, daß das Grab bereits einen Vorgeschmack auf die Zeit nach dem Jüngsten Tag, also der Auferstehung, gibt. Die Frommen leben dann in großen und schönen, weiten Bereichen, während die Sünder von Schlangen, Skorpionen und anderen unerfreulichen Wesen gequält werden. An der Art, wie ein Verstorbener im Traum erscheint, kann man bereits erkennen, ob er zu den Seligen oder zu den Sündern gehört. In allen Träumen der islamischen Welt, die von Verstorbenen handeln, gibt es eine Standardfrage: "Was hat Gott mit dir getan?" Und dann geben sie die Antwort, er hätte sie zuerst etwas ausgeschimpft und sie darauf hingewiesen, daß er sie in die Hölle schicken würde, wenn sie nicht dies oder jenes Gute getan hätten, usw. Das ist theologisch nicht zu erklären, da diese Wirkungen – die aus den Ursachen, die man während des Lebens gelegt hat, resultieren –, eigentlich erst nach der Auferstehung eintreten dürften. Aber in der Traumwelt der Muslime wird diese Zeit bereits in die nachtodliche Zeit, also in unsere heutige Zeit, vorverlegt. Denn die Toten, mit denen der Träumende kommuniziert, sind meist erst seit wenigen Tagen verstorben. Aber sie wissen bereits um die Konsequenzen aus ihrem Erdenleben und haben auch bereits mit Gott darüber gesprochen. Daß die Verstorbenen aber mit den Lebenden in Verbindung treten, ist für den Islam ganz selbstverständlich. Eigentlich sind die Toten die Lehrmeister der Lebenden, die ihnen u.a. klarmachen, was sie auf Erden tun müssen, damit es ihnen später genauso gut ergeht wie ihnen, die bereits verstorben sind. Sie erklären ihnen auch, wie sie am besten Gottes Vergebung erlangen. Oder sie erzählen, weshalb sie – zumindest für eine kurze Zeit – gezüchtigt wurden, z.B. weil sie einmal während des Lebens unbedachterweise auf ein schönes Mädchen bzw. auf einen schönen Jüngling geblickt haben, und ähnliches. Also die Kommunikation zwischen den Toten und den Lebendigen ist ganz außerordentlich eng.
Am Morgen den Duft des Propheten wahrnehmen W.W.: Welche Rolle spielt der Prophet Mohammed in den Träumen der islamischen Welt? A. Schimmel: Vom Propheten zu träumen, ist die größte Seligkeit, die ein Muslim haben kann. Es heißt vom Propheten: "Wer mich im Traum sieht, sieht mich wirklich, denn Satan kann meine Gestalt nicht annehmen." Deshalb ist der Muslim überzeugt, daß er wirklich mit dem Propheten spricht, wenn er ihm im Traum erscheint. Manchmal ermahnt ihn der Prophet, mitunter dankt er ihm für etwas, oder er gibt ihm gute Ratschläge, wie er sein Leben noch besser gestalten kann. Das ist gewissermaßen eine ganz normale Kommunikation zwischen zwei Menschen, also zwischen dem Träumenden und dem Propheten. Manche glauben sogar, daß der Prophet während des Traumes in persona ins Zimmer komme, so daß sie am Morgen noch seinen Duft wahrnehmen könnten. Dazu gibt es wunderbare Legenden. Wie gesagt, den Propheten im Traum zu sehen, ist einer der größten Wünsche eines frommen Muslim. Als ich vor zwei Jahren in Kairo war, ging ich mit einer deutschen Muslima spazieren, und sie teilte mir am Ende unseres Spaziergangs ganz scheu mit: "Ich habe schon ein paar Mal den Propheten im Traum gesehen." – Und ich merkte dabei, wie selig sie war. Das war sehr interessant für mich, weil sie eigentlich die einzige Person gewesen ist, die mir das so offen erklärt hat. Aber das zeigt doch, daß die Hoffnung, ihn einmal zu erblicken, auch bei modernen, und sogar bei westlichen Muslimen immer noch vorhanden ist.
4. Arfst Wagner, Redaktion Flensburger Hefte und Eurythmist, stellt in folgendem Beitrag das Buch "Dreamwatcher" von Theodore Roszak vor und gibt prägnante Einblicke in die eigene Traumwelt (aus dem Artikel: "Erwache sofort!"):
"Dreamwatcher" Ein Mann rastet aus. Er will seine Tochter und seine Frau erstechen. Beide können entkommen, da der Mann bei der Verfolgungsjagd von einem Lastwagen überfahren wird. Die Frau kommt in eine Klinik. Sie hat eine besondere Fähigkeit. Sie kann in Träume anderer Menschen hineinblicken, in vollem Bewußtsein. Sie kann in diese Träume hineinwirken, sie verändern. In der Klinik trifft sie andere Menschen mit dieser Fähigkeit. Zum großen Teil sind es Menschen, die an der Autismus-Krankheit leiden und daher eine ganz besondere Form von Sensitivität besitzen. Was die Frau nicht weiß, ist, daß der amerikanische Geheimdienst diese Klinik betreibt und daß der leitende Arzt, Dr. Devane, von diesem bezahlt wird. Unter Vortäuschung falscher Tatsachen soll die Frau eine Nonne, die sich für die Ärmsten der Armen im mittelamerikanischen Urwald engagiert und dafür den Friedensnobelpreis erhalten soll, in deren Träumen manipulieren. Sie soll ihre Moral durch sexuelle Phantasien verderben, doch sie erkennt in der Nonne eine wahre Heilige und kommt ihrer Aufgabe nicht nach. Ein anderer tritt an ihre Stelle. Sie bemerkt es, und es kommt innerhalb der Traumbewußtseins der Nonne zu einem Kampf zwischen der Frau und ihrem fürchterlichen Gegenspieler. Dieser macht sich mit Hilfe seiner Fähigkeit an die Tochter der "Dreamwatcherin", wie man Menschen mit dieser Fähigkeit nennt, heran und zerrt sie in dunkelste angstbesetzte Ebenen des Traumbewußtseins. Es stellt sich heraus, daß er mit Hilfe seiner Fähigkeit auch bereits das Bewußtsein des Mannes der Frau so beeinflußt hatte, daß dieser wahnsinnig wurde und deshalb seine Frau und seine Tochter ermorden wollte. Durch die Hilfe der Nonne, durch deren Kenntnis der spirituellen Verbindung von Christentum und archaischer mittelamerikanischer Religion schaffen es die beiden Frauen gemeinsam, den Traumgangster zu vertreiben und seine Aktivitäten für immer zu beenden. – Vor Jahren las ich diesen in Deutschland recht unbekannt gebliebenen Roman "Dreamwatcher" von Theodore Roszak, Geschichtsprofessor an der Universität Berkeley, der Ende der 60er Jahre durch sein Buch "The Making of the Counter-Culture" berühmt geworden war. Ein vernünftiger Mann also. Und der schreibt nun solche abgehobenen Fiktionen? Mich erinnerte der Roman allerdings an manche Erzählungen von Schülerinnen und Schülern, die mir im Unterricht begegneten – und letztlich auch an eigene Erlebnisse.
"Jetzt bist du für immer einer von uns" Es war in Berlin, etwa im Jahre 1980, ein Arbeitstreffen einer freien Studiengruppe. Wir hatten tagelang künstlerisch gearbeitet, waren alle erschöpft, aber auch offen für verschiedenste seelische und geistige Eindrücke. Am Abend gab es noch Gespräche, auch mit uns unbekannten Menschen, die in der Kommune zu Gast waren, in der auch ich übernachten durfte. Einer von ihnen gehörte einer Gruppierung an, die sich Ananda Marga nannte. In den Gesprächen ging es um geistige Freiheit, verborgene Möglichkeiten der Manipulation und Gurutum. Es ging um Gefahren. Endlich war der späte Abend zu Ende, und ich ging schlafen. Nachdem ich eine Weile dahingedämmert war, stand ich im Traum vor einem Tor. Dieses tat sich auf, und eine Gruppe weißgekleideter lächelnder Menschen trat auf mich zu. Sie umringten mich und führten mich in ein Haus. Dort war ein großer Saal, der festlich ausgeschmückt war. Plötzlich verschwanden die weißgekleideten Menschen mit einem Schlag, nicht ohne zu rufen: "Jetzt bist du für immer einer von uns." Ich antwortete: "Aber ihr habt mich ja gar nicht gefragt!" Doch meine Stimme wurde von einem großen Knall übertönt, mit dem sich auf einen Schlag alle Türen und Fenster schlossen. Dann ertönte eine Stimme: "Erwache sofort! Sonst geschieht etwas Furchtbares!"
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