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Flensburger Hefte 69 Islamische Impressionen Brücken zwischen Orient und Okzident
Leseproben:
1. Auszug aus dem Interview "In der Religion gibt es keinen Zwang" mit Mahmoud Hamdi Zakzouk, dem ägyptischen Religionsminister, über den Islam, Mohammed und die fünf Säulen des Islam:
Lautsprecherverstärkte Gebetsrufe Wolfgang Weirauch: Wie stehen Sie zu dem lautsprecherverstärkten Gebetsruf der Muezzins in deutschen Städten, wie z.B. in Duisburg? Muß das sein? Mahmoud Hamdi Zakzouk: Nein, das muß nicht sein. In der Zeit von Mohammed gab es auch keine Lautsprecher. Der Muezzin stieg auf das Minarett und rief die Gläubigen zum Gebet. Mohammed hatte dafür Menschen gewählt, deren Stimme sehr schön war, damit die Gläubigen von dieser Stimme angezogen wurden und gerne zur Moschee zum Gebet kamen. Daß man Lautsprecher benutzt, ist eine neue Entwicklung in den islamischen Ländern. Das ist Mode geworden. Und man sollte darauf Rücksicht nehmen, andere Menschen mit dem lautsprecherverstärkten Gebetsruf nicht zu stören. Es gibt Menschen, die schlafen wollen, Kranke, die Ruhe brauchen, oder Studenten, die studieren wollen – kurz: Man muß auf andere Menschen Rücksicht nehmen. Als ich vor vier Jahren das Ministerium übernahm, habe ich für Ägypten darauf hingewirkt, daß der Lautsprecher ausschließlich für den Gebetsruf, nicht aber für andere religiöse Zeremonien verwendet wird. Für Ägypten ist das soweit in Ordnung, weil die meisten Menschen Muslime sind. Aber in Deutschland, wo nur wenige Muslime leben, ist es sinnlos, daß in frühen Stunden der Muezzin über den Lautsprecher zum Gebet aufruft. Das ist eine Provokation, die man unterlassen sollte.
Der Sinn des Fastens W.W.: Ist das Fasten während des Ramadans wirklich sinnvoll, wenn man dadurch tagsüber kaum zum Arbeiten kommt oder gar schläft und nachts viel ißt und feiert? Ist das der ursprüngliche Sinn des Fastens? M.H. Zakzouk: Im Koran steht, daß man beten muß, um sich zu reinigen. Gemeint ist damit natürlich eine moralische Reinigung, die Läuterung von schlechten Gedanken und Gefühlen. Ohne diesen Hintergrund wäre ein Gebet sinnlos. Für das Fasten gilt ganz dasselbe. Wenn man fastet, denkt man z.B. an Menschen, die nichts zu essen haben. Und beim Fasten hat man die Chance, darüber zu meditieren, daß das materielle Leben nicht der einzige Sinn des Lebens ist. Man hat die Chance, wieder mehr über geistige und religiöse Werte nachzudenken. Im Koran heißt es über den Sinn des Fastens, daß man dadurch wieder näher zu Gott kommt. Das bedeutet z.B., daß man an die Schöpfung Gottes denkt. Das ist Aufgabe aller Muslime während der Fastenzeit, und die meisten halten sich auch daran. Sie gehen auch nicht nach Hause, um heimlich zu essen. In diesem Jahr (1999) ist der Ramadan im Winter, die Tage sind kürzer, und somit ist die Fastenzeit leichter durchzuhalten. Ich erinnere mich aber an eine Zeit, als ich in Deutschland war und der Ramadan im Sommer war. W.W.: Ist das nicht ein bißchen ungerecht, wenn ein Muslim in Deutschland wohnt oder vielleicht sogar am Nordkap und der Ramadan im Sommer ist? M.H. Zakzouk: Das ist natürlich schwierig. W.W.: Muß man sich hier nicht ein persönliches zeitliches Maß einrichten? M.H. Zakzouk: Man bekommt mehr Lohn von Gott für eine derartige gewaltige Anstrengung. Letztlich geht es natürlich um die Intention des Gläubigen, mit der er diese Fastenübung durchführt.
Die Pilgerfahrt nach Mekka W.W.: Auf der Welt gibt es ca. 1,2 Mrd. Muslime. Ist es sinnvoll, die Pilgerfahrt nach Mekka nur in einem Monat durchzuführen? Das ist technisch kaum noch zu bewältigen. Wäre es nicht sinnvoll, die Pilgerfahrt das ganze Jahr über zu erlauben? M.H. Zakzouk: Nein. Deswegen richtet man jedes Jahr eine zahlenmäßige Beschränkung ein. Aber es ist nicht möglich, die Pilgerfahrt das ganze Jahr über zu erlauben. Denn die Pilgerfahrt ist mit dem Tag Arafat verbunden, und das ist der Tag vor dem großen Fest. Man muß an diesem bestimmten Tag am Berg Arafat stehen, ansonsten wird die Pilgerfahrt nicht angerechnet. Aber die zahlenmäßige Beschränkung ist sinnvoll, und sie gilt entsprechend der Bevölkerungszahl eines jeden Landes. Aus Ägypten dürfen jährlich 60.000 nach Mekka pilgern. Ägypten hat 60 Mio. Einwohner.
2. In dem nachstehenden Auszug aus dem Interview "Auf dem Weg nach al-Azhar" geben die beiden Professoren Raschad Hassan Khalil und Mesbah al-Metoali Hamad der al-Azhar-Universität von Kairo Einblicke in das islamische Recht, speziell die Scharia:
Die Steinigung einer Frau Wolfgang Weirauch: 1992 ist in Deutschland das Buch "Die gesteinigte Frau" (Reinbek 1992) des iranischen Journalisten Freidoune Sahebjam erschienen. Er schildert darin einen Fall, in dem eine iranische Ehefrau von ihrem Mann des Ehebruchs bezichtigt wurde. Tatsache ist aber, daß sie keinen Ehebruch begangen hat, ihr Mann aber wegen seines großen Einflusses in dem kleinen Dorf, in dem sie wohnten, das ganze Dorf gegen sie aufbringen konnte. Die Männer des Dorfes verhängten das Todesurteil über sie, sie wurde bis zu den Schultern eingegraben und von ihrer Familie und anderen Dorfbewohnern zu Tode gesteinigt. Den ersten Stein warf ihr Vater, den zweiten ihr Ehemann, dann folgten ihre Söhne, schließlich viele der anderen Dorfbewohner, und nach mehreren Stunden qualvollen Sterbens wurde ihre Leiche den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Aus dem Blickwinkel des Westens ist dies nicht nur eine strenge, sondern eine verabscheuungswürdige Bestrafung. Selbst wenn die Frau schuldig gewesen wäre, würde ich gerne von Ihnen wissen, wie Ihre persönliche Meinung zu einer derartigen Bestrafung ist. Mesbah al-Metoali Hamad: Zugegeben, die Steinigung einer Frau ist eine der strengsten Strafen des Islam. Aber es gibt dieses Gesetz, um die Familie zu schützen. Denn gäbe es dieses Gesetz nicht, dann könnte es sein, daß man nicht weiß, zu welchem Mann die Kinder einer Frau gehören. Für die Kinder ist es das Schlimmste, was ihnen im Leben passieren kann, wenn sie nicht wissen, wer ihre Eltern sind. Wenn es dieses Gesetz nicht gäbe, könnte in der Gesellschaft ein großes Chaos ausbrechen. Die Verbundenheit mit den Eltern ist unmittelbarer Bestandteil des Lebens, und wenn man nicht weiß, wer die eigenen Eltern sind, dann ist dies die größte Katastrophe des Lebens. Um diese Tragödie zu verhindern, braucht man dieses strenge Gesetz. Aber die Todesstrafe ist die strengste unabänderliche Strafe der Scharia. Deshalb gibt es strenge Bedingungen, um diese Strafe überhaupt durchführen zu können. Wenn z.B. ein Mann Ehebruch begangen hat, so kann die Verhängung der Todesstrafe nicht angewendet werden, wenn er seine Tat nicht zugibt. Wenn er die Tat aber zugibt, so ist sie absolut, und es gibt keinen Zweifel. Und es darf keinen Zweifel geben! Neben der Bedingung des Geständnisses gibt es noch eine zweite alternative Bedingung: Vier Zeugen müssen die Tat gesehen haben. Drei Zeugen reichen nicht aus. Hinzu kommt, daß nicht jeder Zeuge akzeptiert wird. Denn jeder Zeuge muß als guter Muslim in seiner Umgebung bekannt sein, er muß mutig sein, es muß klar sein, daß er nicht lügt – kurz: Er muß einen einwandfreien Charakter haben. Es darf auch kein Zeuge gekauft werden. Und wenn die Moral eines Zeugen nicht auf diese Weise geprüft wird, dann ist es kein richtiger Zeuge. Und wenn dies im Iran nicht genauso gemacht worden ist, dann ist es eine falsche Auslegung und falsche Praktizierung des Islam. Wenn von vier Zeugen drei gute Muslime bezeugen, daß der Mann Ehebruch begangen hat, der vierte dem aber widerspricht, dann kann die Todesstrafe nicht durchgeführt werden. In so einem Fall würden die drei falschen Zeugen 80 Schläge bekommen. Raschad Hassan Khalil: Jeder Zeuge muß ein wirklicher Augenzeuge sein, er muß also die Tat des Ehebruchs mit angesehen haben. Er muß bezeugen, daß er den Penis des Mannes in der Scheide der Frau gesehen hat. Er muß bezeugen, daß er diesen Geschlechtsakt mit eigenen Augen gesehen hat. Und solange man noch ein Haar zwischen Penis und Scheide hindurchziehen kann, gilt der Geschlechtsakt als nicht vollzogen. W.W.: Ist so etwas nicht völlig abstrakt und unrealistisch? Es gibt keinen Menschen, der nie lügt, also kann man auch keinen entsprechenden guten Zeugen finden. Außerdem ist es recht unrealistisch zu glauben, daß vier gute Muslime mit ansehen, wie ein Mann mit einer Frau schläft. Andererseits kann man sehr wohl Menschen als falsche Zeugen kaufen. R.H. Khalil: Gut! Sie haben es begriffen. Durch die strenge Bestimmung und Anwendung dieses Gesetzes kommt es auch so gut wie nie zur Ausführung.
3. Auszug aus dem Interview "Frieden – eine Illusion?" mit Peter Scholl-Latour, Journalist, über die beiden Golfkriege und den palästinensisch-israelischen Konflikt:
Hüter der iranischen Verfassung W.W.: Sie flogen im Februar 1979 mit Khomeini von Paris nach Teheran. Hatten Sie damals gedacht, daß es im Iran diese Entwicklung nehmen würde, wie es dann gekommen ist? P. Scholl-Latour: Ich war der erste und eigentlich auch der einzige, der diese Entwicklung so vorausgesagt hatte. Ich hatte mich damals in Paris schon mit den iranischen Revolutionären getroffen und hatte auch ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen, vor allem auch zu Tabatabai, der damals Dozent in Bochum war. Wir trafen uns regelmäßig, später dann in Paris auch in Gegenwart von Khomeinis Sohn Ahmed. Als wir in den Iran flogen, saß der Schah noch in seinem Palast, und die Armee war noch intakt. Wir wußten nicht, ob die Air France-Maschine nicht möglicherweise abgeschossen oder ob Khomeini bei der Ankunft verhaftet werden würde. Vor der Landung kam Tabatabai zu mir, gab mir eine Mappe und bat mich, sie zu verstecken, wenn sie verhaftet werden würden; wenn nicht, sollte ich sie ihm zurückgeben. Als wir in Teheran ankamen, erwarteten uns etwa 2 Millionen Iraner und jubelten Khomeini zu, auch die Luftwaffe war schon teilweise zu ihm übergegangen. Natürlich habe ich die Mappe nach der Landung zurückgegeben, und acht Monate später habe ich dann erfahren, daß ich etwa zwei Stunden lang der Wächter der Verfassung der islamischen Republik Iran gewesen bin.
Der Berufsverschwörer Saddam Hussein W.W.: Können Sie etwas zu der Struktur des Machtapparates Saddam Husseins sagen, und inwieweit alles auf gegenseitiges Mißtrauen aufgebaut ist? P. Scholl-Latour: Alles beruht in der Tat auf Mißtrauen, und es gibt nur einen ganz kleinen Kreis um Saddam Hussein, dem er einigermaßen vertraut. Er ist in einer Situation der Verschwörung unter sehr schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen und geriet dann in den Revolutionskreis der Baath-Partei, der Partei der arabischen Wiedergeburt. Er ist überhaupt kein Islamist, sondern hing im Gegenteil einem eher säkularen arabischen Nationalismus an, teils auch mit sozialistischen Ideen. Er nahm dann 1959 an einem Komplott gegen den damaligen General Kassem (1957–1963) teil, verletzte ihn mit einer Schußwaffe erheblich und mußte mit einem Steckschuß im Bein fliehen. Er flüchtete mit einem Taxi, dessen Fahrer er erschoß, nach Syrien. Eigentlich war er eine Art Berufsverschwörer. Später wurde er dann der stellvertretende Mann hinter dem damaligen Präsidenten al-Baqr, den er dann aber nach und nach zurückdrängte, bis er 1979 die Macht gänzlich übernahm. Seine Macht stützte Saddam Hussein auf den Clan seiner Geburtsstadt Takrit, nördlich von Bagdad, eine Stadt, aus der auch Saladin stammte, obwohl Saladin eigentlich Kurde war. Dieser Clan war immer die Stütze seiner Macht innerhalb der Baath-Partei, und er ist auch heute noch sehr stark an der Macht beteiligt. Aber auch in diesem Kreis gab es Verrat. Saddam Hussein hat z.B. die Militärs gegeneinander ausgespielt. Wenn jemand zu beliebt bzw. zu erfolgreich wurde – z.B. während der Golfkriege –, hat er ihn mit einem Hubschrauber abstürzen lassen oder auf andere Art beseitigt. Er soll sogar in einer Kabinettssitzung einen Minister erschossen haben. Er ist also ein Mann, der im Irak gefürchtet ist. Man kann sich im Irak über Korruption und ähnliches beschweren, nur wenn man Kritik an Saddam Hussein übt, hängt man am nächsten Pfosten. W.W.: Sind Sie ihm persönlich begegnet? P. Scholl-Latour: Nein, allerdings habe ich lange Gespräche mit seinem engsten Vertrauten Tariq Aziz, dem Vize-Premierminister, geführt. Tariq Aziz war als Außenminister die entscheidende Figur während des zweiten Golfkrieges. Er genießt insofern das Vertrauen Saddam Husseins, als er katholischer Christ ist. Er gehört der mit Rom unierten Konfession der Chaldäer an. Da er kein Muslim ist, kann er niemals Staatschef werden und stellt insofern für Saddam Hussein keine Gefahr dar. Die christliche Minderheit im Irak, die aus wirtschaftlichen, nicht aus politischen Gründen leider schrumpft, genießt im Irak eine große Toleranz. Die Christen haben auch in den Kriegen mitgekämpft, ihre Kirchen und die assyrischen Klöster im Norden werden gepflegt bzw. wieder aufgebaut. Im Hinblick auf die Christen ist der Irak der toleranteste islamische Staat. Ich wurde im Irak einmal zu einer gesamtchristlichen Konferenz eingeladen, zu der verschiedene christliche und islamische Würdenträger erschienen, und ich muß sagen, daß dies eine sehr tolerante ökumenische Veranstaltung war.
4. Annemarie Schimmel, Professorin für Islamistik, Religionswissenschaften und indomuslimische Kultur, stellt in dem Interview "Der Geliebte ist in allen Dingen der Welt verborgen" ausführlich den Sufismus, den islamisch-mystischen Weg zu Gott, dar. Hier ein Auszug:
Zwei Wege zum Göttlichen Wolfgang Weirauch: Auf der anderen Seite gibt es einen zweiten Weg zu höheren Erfahrungen, und zwar die plötzliche Entrückung (dschadhba). Was ist das? Annemarie Schimmel: Es kann passieren, daß ein Sufi-Schüler durch ein plötzliches Erlebnis auf eine höhere Stufe gehoben wird, die man normalerweise erst nach langer Erfahrung und Erziehung erreicht. Diese dschadhba, also die Entrückung bzw. Anziehung, führt manchmal zu einem seelischen Schock. Deswegen ist es nicht ungewöhnlich, daß das Wort madschdhub, der Entrückte, im Arabischen im allgemeinen für seelisch bzw. geistig verwirrte Menschen gebraucht wird.
Der Gottesvogel Simurgh Es gibt also zwei Wege zum Göttlichen. Man kann diese beiden Wege auch als Wege aufwärts und Wege abwärts bezeichnen. Das beste Beispiel dieser beiden Wege sind zwei Epen von Fariduddin ’Attar (gest. wohl 1221). Den Weg nach oben beschreibt er in dem Epos Mantiq ut-tair (Vogelgespräche). Das Mantiq ut-tair erzählt uns die Geschichte von den Vögeln, die nach langen Vorbereitungen auf die Suche nach dem Gottesvogel Simurgh gehen. Der Wiedehopf fordert alle Vögel auf, ihn auf der Suche nach diesem Gottesvogel zu begleiten. In Rede und Gegenrede schildert ’Attar die Argumente der Vögel gegen eine solche Reise, bis sie schließlich die Reise antreten und dabei durch sieben furchtbare Täler hindurch müssen, bevor sie ans Ziel kommen. Im Islam kommt die Siebenzahl – z.B. sieben Berge, sieben Täler, sieben Stufen –, die für die Mystik typisch ist, sehr häufig vor. Das Ziel ist die höchste Stelle des Gebirges, wo sie den Simurgh vermuten. Aber die 30 Vögel, die von den Millionen Vögeln übriggeblieben sind, entdecken mit einem Mal, daß sie den Simurgh gar nicht erkennen können. ’Attar hat hier ein herrliches Wortspiel eingeflochten, denn si murgh bedeutet im Persischen "30 Vögel". Und diese 30 Vögel finden plötzlich, daß sie mit dem Gottesvogel Simurgh identisch bzw. daß sie eine Art Spiegelbild oder Schatten des Gottesvogels sind. Die Einzelseelen entdecken also ihre Identität mit der allumfassenden Gottesmacht. Das ist der Weg aufwärts durch die Täler bis zum höchsten Gipfel, dem Sitz des Gottesvogels.
Im Ozean der eigenen Seele In dem anderen Epos, dem "Buch der Heimsuchung", dem Musibatnama, schildert ’Attar die innere Reise des Suchenden während der 40tägigen Klausur. In ihm wird die Reise der Seele in ihre eigenen Tiefen geschildert. Während der 40tägigen Klausur befragt der Meditierende alles Geschaffene, was er tun könne, um Gott zu finden. Aber alle – Erzengel und Engel, Vögel und Fische und viele Geschöpfe mehr – antworten nur: "Wir wissen es auch nicht, wir suchen auch Gott." Schließlich gelangt er zum Propheten Mohammed, der ihn anweist, in den Ozean seiner eigenen Seele zu tauchen, weil er dort Gott finden würde. Ich finde es sehr wichtig, daß ’Attar jeweils ein Epos über den Weg nach außen in die Höhe und eines über den Weg nach innen in die Tiefe geschrieben hat.
Die Sonne um Mitternacht W.W.: Verschiedene Sufi-Asketen versuchten, die Sonne um Mitternacht zu schauen. Was ist mit diesem Bild gemeint? A. Schimmel: Das gehört zum Begriff qabd, der Depression, der dunklen Nacht der Seele. Wenn der Mensch sich vollkommen aufgegeben hat und nichts mehr hat, worauf er sich stützen kann, dann kann die Sonne zur Mitternacht erscheinen, und er findet den Trost, daß Gott sehr wohl vorhanden ist, daß er das einzige ist, was bleibt. Um diesen Zustand zu erleben, muß man aber erst einmal die völlige Einsamkeit erreicht haben. Erst wenn man sämtliche weltlichen Dinge beiseite geschoben hat, kann die Sonne um Mitternacht als eine Art geistiger Erleuchtung, die keinem weltlichen Licht entspricht, erscheinen.
5. Rabih Abou-Khalil, Oud-Spieler, spricht in dem Interview "Arabian Waltz" über arabische Musik in Vergangenheit und Gegenwart, die eigenen Kompositionen und die Beziehung der heutigen Jugendlichen zur modernen Musik. Ein Auszug:
Die moderne populäre Musik ist minderer Qualität Wolfgang Weirauch: Bist Du mehr in der westlichen oder in der arabischen Welt bekannt? Rabih Abou-Khalil: Die Bekanntheit in der arabischen Welt erfolgte witzigerweise aufgrund der Anerkennung in der westlichen Welt. Ich habe natürlich mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie jeder, der nicht in eine Schublade zu packen ist. Die einen sagen, meine Musik sei nicht traditionell genug, und man sieht mich als Verräter an, weil ich die alten Werte nicht weiterführe. Aber ich würde mich und meine Musik verkaufen, wenn ich so komponieren würde, wie Tausende von Traditionalisten vor mir auch. Für andere habe ich mich der modernen Zeitströmung nicht genügend angepaßt. Ich weiß nicht, ob meine Musik eines Tages zu einem gewissen Traditionsreservoir gehören wird. Aber auf jeden Fall gehört sie nicht in die gradlinige Strömung. W.W.: Deine Musik spricht mich ungeheuer an. Früher war ich glühender Rolling Stones-Fan ... R. Abou-Khalil: ... das waren wir doch alle! W.W.: ... verbunden war das mit dem Aufwachen der 68er-Generation, dann kamen Jimi Hendrix, John Mayall, King Crimson, Frank Zappa, Miles Davis, Van Morrison und viele andere, aber dann kam lange nichts mehr. Mit Deiner Musik erlebe ich zum ersten Mal wieder eine Musik, für die ich mich begeistern kann. R. Abou-Khalil: Das freut mich. Zappa ist übrigens auch mein Lieblingsmusiker. Ich höre immer noch sehr viel Musik. Ich denke, man kann sich nur für einen Musiker begeistern, wenn er die Musik spielt, die sein innerstes Anliegen ist. W.W.: Ich habe ein Problem, und vielleicht kannst Du es mir erklären, da ich kein Musiker bin. Als ich Jugendlicher war und Rockmusik hörte, hatten die Erwachsenen dafür meist kein Verständnis, mitunter wurde die Musik sogar als Urwaldmusik abqualifiziert. Wenn ich mir dagegen die Musik anhöre, die die Jugendlichen heute hören – also die Charts, Techno usw. –, dann finde ich dazu keinen Zugang, sie erscheint mir von schlechter Qualität, und mitunter finde ich sie sogar außerordentlich abstoßend. Nun befinde ich mich dummerweise in der Rolle eines Erwachsenen, der einen großen Teil der Musik der heutigen Jugend kritisiert, ähnlich wie es die Erwachsenen zu meiner Zeit taten. Ist das jetzt ein Generationenkonflikt wie damals, versteht man Techno nicht, oder ist die heutige Musik wirklich von so schlechter Qualität, wie ich es momentan empfinde? R. Abou-Khalil: Die Funktion der Musik hat sich geändert. Techno ist z.B. keine Musik, zu der sich ein Jugendlicher hinsetzt, die Füße hochnimmt und einfach nur zuhört. Man gebraucht diese Musik zum Tanzen. Wir haben früher zum Tanzen Musik verwendet, die wir gleichzeitig auch gehört haben. Früher kam man auch zusammen, um einfach nur Musik zu hören. Neulich hatte ich eine Begegnung mit einem Achtkläßler, der mir gegenüber behauptete, er sei auch Musiker. Aber er spielte nur irgendwelche Musik über seinen Computer ab. Ich finde Techno und moderne Popmusik schrecklich. Natürlich kann man Musik auf allen Stufen machen, aber ich habe große Schwierigkeiten mit einem Teil der neueren Popmusik. Verglichen mit der Musik, die wir zu unserer Jugendzeit hörten, ist sie minderer Qualität. Es gibt nämlich durchaus objektive Kriterien. Ich habe z.B. einmal ein Live-Konzert mit Madonna gehört und muß leider sagen, daß sie einfach falsch singt. Das ist dann keine Frage des Geschmacks mehr. In der modernen Popmusik vermisse ich die Originalität. Ich habe z.B. damit Probleme, daß der Rhythmus nicht wechselt. Man hört heute fast nur noch Rhythmus-Maschinen in der Musik. Es fällt mir schwer, mich von einer Maschine bewegen zu lassen. Das kommt mir wie Sex mit einer Puppe vor. Irgend etwas wehrt sich in meinem Inneren dagegen, mich von einer Maschine begeistern und anturnen zu lassen. Ich kann mich nicht von etwas emotional bewegen lassen, was kein Mensch gemacht hat. Das ist pervers und gleicht schon fast der Nekrophilie. Meine Probleme fangen damit an, daß ich weiß, daß bei dieser Musik niemand am Instrument sitzt. Deshalb fehlt in dieser Musik auch die Spannung und Entspannung. Im Prinzip ist es immer wieder der durchgehende Rhythmus. Ich höre mir diese Musik natürlich auch hin und wieder an, aber ich kann an ihr nichts finden. Vielleicht werde ich alt, allerdings glaube ich nicht, daß es daran liegt. Meine Eltern fanden unsere Musik schrecklich, weil die Musiker lange Haare hatten, Drogen nahmen, blutunterlaufene Augen hatten. Das aber waren eher moralische als musikalische Bedenken. W.W.: Ist die moderne Musik in ihrer Entwicklung stehengeblieben? R. Abou-Khalil: Auf jeden Fall ein Zweig von ihr, nämlich die populäre Musik. Aber die Jugendlichen heute sind auch anders. In einer Gesellschaft, in der Fotomodelle zu Idolen werden, kann irgend etwas nicht stimmen. Dann wundert es mich auch nicht, wenn man sich von Maschinen anturnen läßt. W.W.: Was ist bei den Menschen heute anders geworden? Kannst Du es von der musikalischen Seite her ausdrücken? R. Abou-Khalil: Früher kamen Jimi Hendrix und Janis Joplin heraus und wurden durch ihre Musik bekannt. Heute überlegt sich die Musikindustrie ganz genau, wen sie zum Popstar aufbaut. Auch durch die Medien werden die Menschen so stark mißbraucht, daß eine Modeentwicklung herauskommt, die nicht mehr natürlich ist. Die Liebe zur Musik und das Bedürfnis nach Musik sind dagegen etwas Natürliches. Die arabische Musik z.B. ist eine eigenständige Musik, aber sie erregt bei ihren Zuhörern in gleicher Art Gefühle, wie die Musik eines anderen Volkes Gefühle bei den Angehörigen dieses Volkes erregt. Ich weiß z.B. auch, daß von seiten der Musikindustrie an Urlaubsorten in Spanien den Discjockeys Musik gegen Geld angeboten wird, damit sie sie oft spielen; ähnlich ist es mit bestimmten Rundfunkanstalten. Dann gewöhnt man sich an diese Musik, und wenn man nicht mitdenkt, dann wird man irgendwann zum Fan einer solchen eintönigen Musik. Wenn unsereins dagegen zu einer bestimmten Musik greift, dann suchen wir nach bestimmten Reizen, die uns Musik auch früher geboten hat, z.B. nach Spannung und Entspannung, nach einem gewissen Engagement des Musikers, also nach einem gewissen Tiefgang, den man schlecht in Worte fassen kann, der aber vorhanden ist. Aber ich kenne heute keine Jugendlichen mehr, die sich wie wir früher zu Hause treffen, um eine Platte anzuhören. Wenn ich mit Jugendlichen über meine Musik spreche, dann kommt mir oft entgegen: "Na ja, das ist Musik, bei der man zuhören muß." Ich antworte ihnen dann immer: "Natürlich mußt Du zuhören. Was willst Du denn sonst mit Musik machen?" W.W.: Das ist ja fast so wie an den früheren Königshöfen, wo Musik gespielt wurde, aber die Menschen gingen umher, sprachen und aßen, zuhören taten sie dagegen weniger. R. Abou-Khalil: Das ist ähnlich. Aber damals war es noch qualitativ besser, denn die Musik wurde wenigstens live gespielt. Wenn früher eine Platte von Frank Zappa oder jemand anderem herauskam, dann habe ich die Platte zu Hause aufgelegt, zugehört, habe ich mich darüber aufgeregt oder mich dafür begeistert, habe Freunde eingeladen, und wir haben sie zusammen angehört. Immer und immer wieder. Man traf sich, um gemeinsam Musik zu hören, und währenddessen hat niemand dazwischengeredet. W.W.: Ist diese Musikentwicklung für Dich nicht deprimierend? R. Abou-Khalil: Eigentlich schon. Aber ich versuche, mein Aufregungspotential möglichst niedrigzuhalten. Natürlich frage ich mich auch oft, ob mir dabei etwas entgeht. Vielleicht haben die Jugendlichen heute viel mehr Spaß, als ich es je hatte.
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