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Flensburger Hefte 68 Liebe Leben - Homosexualität und die Vielfalt der Lebensformen Leseproben:
1. Auszug aus einem Interview mit Christine (27), einer lesbischen Waldorferzieherin, über ihre Beziehung zu einer anderen Frau:
"Die Einheit von Körper, Seele und Geist" Frage: Was ist das Wichtigste für dich in deinem jetzigen Leben? Christine: Meine Arbeit im Waldorfkindergarten und das Zusammenleben mit Yvonne. Seit vier Jahren sind wir ein Paar, seit eineinhalb Jahren wohnen wir auch zusammen. Meine schönste Erfahrung in dieser Freundschaft ist das Erleben der Einheit von Körper, Seele und Geist, in der wir uns beide weiterentwickeln können.
Ist gemeinsame Entwicklung in Beziehungen ein Ideal für dich? Unbedingt. Für mich hat eine Beziehung nur dann Zukunft, wenn sich beide weiterentwickeln. Als ich Yvonne kennenlernte, fühlte ich: Mit dieser Frau kann ich ein langes Stück meines Lebens gehen. Das stimmte – sonst wären wir längst kein Paar mehr. Bei Männern habe ich das nie so deutlich empfunden, und die Beziehungen währten dann auch nie lange ...
Möchtest du etwas über das konkrete Zusammenleben mit deiner Freundin erzählen? Ich konfrontiere mich am Arbeitsplatz tagtäglich mit Kindern, Eltern, meinen Kolleginnen und der Anthroposophie. Yvonne hingegen arbeitet im politischen Bereich und setzt sich mit völlig anderen Themen auseinander. Wenn wir nach Feierabend von unseren Tageserlebnissen erzählen, kann ich an Bereichen des Lebens teilhaben, von denen ich sonst kaum etwas wahrnehmen würde. Und Yvonne hört gern von meiner Arbeit und von der Waldorfpädagogik.
Was macht ihr zusammen in eurer Freizeit? Yvonne begleitet mich manchmal zu Veranstaltungen im Kindergarten oder in anderen anthroposophischen Einrichtungen, und ich gehe mit zu politischen Veranstaltungen. Weil wir oft nur wenig Zeit füreinander haben, sind die gemeinsamen Ferien sehr wichtig, in denen wir uns intensiv erleben können. Wir reisen beide gern in ferne Länder und interessieren uns für andere Völker und Kulturen. Durch Yvonne habe ich mehr Zugang zur Musik gewonnen, und wir besuchen gemeinsam klassische Konzerte. Wir müssen uns aber nicht immerzu miteinander beschäftigen; wir können auch nebeneinanderher tätig sein und wissen, die andere ist in der Nähe. So bekommt unser Zusammenleben etwas Alltägliches.
Gibt es bei euch Rollenverteilungen, daß die eine oder andere immer bestimmte Dinge macht? Sicher, das liegt dann an speziellen Interessen. Trotzdem übernimmt bei uns nicht die eine grundsätzlich die sogenannten "weiblichen" Aufgaben und die andere eher die "männlichen". Wir wechseln uns je nach Situation unausgesprochen ab.
Wird euch das Zusammenwohnen und -leben manchmal auch zu eng, so daß ihr voneinander "genervt" seid? Natürlich. Aber nicht weil wir so eng zusammenleben, sondern dann, wenn jede beruflich sehr eingespannt ist und sich nur um ihre eigenen Dinge dreht, so daß wir uns kaum noch wahrnehmen. Dann spüre ich, wie hilfreich die anthroposophischen Gedanken sind, mit denen wir immer wieder an unserem Zusammenleben, Umgehen und Verstehen arbeiten.
Welche Rolle spielt denn die Anthroposophie überhaupt in deiner Lebensform? Sie hat für uns beide einen hohen Stellenwert. Das zeigt sich in der Art unserer Auseinandersetzung miteinander, aber auch in unserer gemeinsamen Mitarbeit im Arbeitskreis "Bi/Homosexualität und Anthroposophie". Dadurch haben wir noch einen neuen Bezug zu unserer Freundschaft im Verhältnis zur Anthroposophie gewonnen. Wir lesen und diskutieren zusammen anthroposophische Texte, aber wir sprechen auch über das, was jede für sich gelesen hat. Außerdem verstehen wir beide unsere Freundschaft als karmische Verbindung, die für unseren jetzigen Lebensabschnitt wichtig und richtig ist. Beruflich ist es mir ein Anliegen, Waldorfpädagogik zu verwirklichen. Ich kann mir pädagogisches Arbeiten nur auf der Grundlage eines anthroposophischen Menschenbilds vorstellen.
Hat dir die Anthroposophie genützt oder Schwierigkeiten gemacht, deine lesbische Lebensform vor dir und anderen zu akzeptieren? Beides habe ich gleichzeitig entdeckt. Ich war 21 Jahre alt und lernte im Waldorfkindergartenseminar eine Frau kennen, die bald zu meiner besten Freundin wurde. Ich begann, sie wirklich zu lieben, und schließlich ließ sich auch das körperliche Zusammensein nicht mehr ausklammern – es hatte sich einfach so ergeben, und die Entwicklung dahin schien uns beiden unerläßlich. Wir waren beide vorher heterosexuell orientiert. Unsere Freundschaft bekam einen solchen Stellenwert, daß mir das körperliche Zusammensein wie schicksalhafte Notwendigkeit erschien. Dabei hat mir die Anthroposophie geholfen, in karmischen Zusammenhängen zu denken. So erschien mir diese Freundschaft als völlig legitim – es war ja Liebe im Spiel. Das ist doch ein wichtiger Aspekt innerhalb der Anthroposophie: die Liebe. Den theoretischen Lehrinhalt der Anthroposophie, der neu für mich war – die Einheit von Körper, Seele und Geist –, konnte ich durch meine Liebe zu dieser Frau zeitgleich praktisch erfahren. Vorher hatte ich auf geistiger und sexueller Ebene Beziehungen mit Männern gehabt; da war aber immer eine Freundin, der ich noch größeres Vertrauen schenkte. Durch die Freundschaft zu meiner Mitseminaristin konnte ich nun zum ersten Mal alles auf einen Menschen vereinigen. Natürlich fragte ich mich auch, was die Anthroposophen dazu sagen. Zum Glück hatte ich bereits gelernt, zwischen der Anthroposophie und den Anthroposophen zu unterscheiden ...
Wußten denn die Anthroposophen um euch herum von eurer lesbischen Freundschaft? Nein. Meine Freundin stand durch ihr Elternhaus unter einem hohen moralischen Druck und konnte nicht öffentlich zu unserer Liebe stehen. Sie hielt den Druck nicht aus, und das führte letztendlich zum Zerbrechen der Beziehung. Unsere Freundschaft blieb erhalten, aber die körperliche Ebene wurde "ausgeschaltet". Darunter litt ich lange, weil die Liebe ja trotzdem noch da war, und ich litt auch darunter, mit niemandem darüber reden zu dürfen.
2. Auszug aus einem Gespräch mit Richard (39), einem bisexuellen Mann, über seine Beziehung zu Männern und Frauen:
Was erlebst du in der Begegnung mit einem Mann und einer Frau eher gleich, was eher unterschiedlich? Vieles ist unterschiedlich: Mit meinen Freunden bin ich nie auf den Gedanken gekommen, gemeinsam zu wohnen, gemeinsame Kasse zu machen oder mich mit ihnen in sonstige Abhängigkeiten zu verstricken, mir Gedanken über die Dauerhaftigkeit der Beziehung zu machen, überhaupt zu fragen: Ist das jetzt eine Beziehung oder eine Freundschaft? Als gleich empfinde ich die Angewohnheit, sich nicht über seine Wünsche klar zu sein, zu wenig darüber zu reden, die Wünsche des anderen als Erwartung zu interpretieren usw. – Ich glaube, das Gestalten des Miteinander stellt bei beiden die gleichen Anforderungen.
Wie reagiert dein Umfeld bei dem Wechsel von der Homosexualität zur Heterosexualität und umgekehrt? Alle, denen ich davon erzählte, haben es neutral aufgenommen. Die schönste Reaktion bekam ich von meiner neunjährigen Tochter, die mal gesagt hat, als sie uns erlebte: "Ihr seid ja echt gute Freunde." Aber für sie war ja auch das sexuelle Element noch nicht relevant, so daß sie vielleicht als einzige auch nicht mehr gesehen hat, als in dem Moment tatsächlich geschah. Etwas anders sieht es manchmal außerhalb meiner Beziehung aus, im alltäglichen Bereich. Drei kleine Beispiele: Auf einem Spaziergang mit "heterosexuellen" Freunden gehe ich mit einem Mann Arm in Arm, worauf sich fast sofort eine Wandergenossin zwischen uns schiebt und sagt: "Hey, ihr beiden, ich muß euch was erzählen", worauf sie ausführlich und ganz vertrauensvoll und offen von ihren Beziehungserlebnissen berichtet. Aber wir beiden waren auseinander. – Oder: Bei einem Essen in der Verwandtschaft legt plötzlich mein Neffe seine Hand auf meine Schulter – und sofort wird er von seiner Mutter in die Küche geschickt, um Sprudel zu holen. – Oder: Meine Schwägerin sagt in einem Gespräch über das Thema, das auch dieses Interview veranlaßt hat: "Das haben wir alles im Jugendalter durchgemacht!" Ich bin etwas verzagt über meine Spätentwicklung, tröste mich aber mit dem Gedanken, daß meine Schwägerin kräftiges Übergewicht hat und offensichtlich nach etwas hungert, das sie fälschlicherweise mit Essen zu sättigen versucht. Es ist heute auch in Paarbeziehungen üblich, Sexualität zu benutzen, um Nähe herzustellen, Sympathie auszudrücken, sich und anderen die Männlichkeit zu beweisen, Mitgefühl und Wärme zu geben und zu bekommen. Es ist für viele Männer anscheinend schwieriger, dasselbe auf nichtsexuellem Wege zu erreichen. So kam es u.a. wohl auch bei mir, daß ich gesagt habe: Ich bin bisexuell. Jetzt würde ich einfach nur sagen: Ich bin frei! Und wenn ich gefragt würde, wie meine Umwelt darauf reagiert, daß ich frei bin, könnte ich sagen: Alles in allem angeregt und belebt. Die verkrampften Reaktionen resultieren ja auch daraus, daß ich mit der Selbstbezeichnung bisexuell die Funktionalisierung der Sexualität für alles mögliche bestätigt habe.
Läufst du als Bisexueller nicht ständig Gefahr, beim Partner bzw. der Partnerin Eifersucht hervorzurufen? Eifersucht ist eine der typischsten Lebenserfahrungen von bisexuellen Menschen, die ganze Bücher über Bisexualität füllt. So war es auch bei mir. Die Partnerin des bisexuellen Mannes ist in ihrer Eifersucht auf dessen "Homosexualität", von der sie eigentlich nie etwas haben könnte, oft irritiert, etwa indem sie grübelnd hin und her schwankt zwischen der resignativen Feststellung, daß sie ihrem Mann ja doch nicht geben kann, was ihm ein männlicher Freund gibt, bis zu der lieb gemeinten Negierung der Tatsachen, etwa: "Mein Mann ist doch nicht schwul, das geht vorüber, ich muß jetzt zu ihm stehen." Oder nach dem Motto: "Wenn du nur Sex mit ihm gehabt hättest, o.k., Männer sind eben so (‚leben im Schwanz‘), aber daß du ihn auch noch liebst! Du denkst nur an deine Selbstverwirklichung!" Aber Liebe ohne Selbstverwirklichung gibt es nicht. Das ist das christliche Grundaxiom "Liebe deine Nächsten wie dich selbst". Solidarität unter Männern ist schon hilfreich im Leben ganz allgemein, liebevolle Brüderlichkeit um so mehr. Was sich zwei Menschen mit ihrer Liebe schenken, hängt davon ab, was sie gegenseitig für sich als das Beste erkennen. Dafür kann niemand anderes die Verantwortung übernehmen. Der Eifersüchtige aber ist immer derjenige, der bestimmt, wann und vor allen Dingen woran seine Eifersucht aufflammt und was demzufolge der andere zu unterlassen hat – ohne aber für das Verhalten des "Gezähmten" die Verantwortung übernehmen zu können. Die Eifersucht ist deswegen generell und prinzipiell falsch. Als Mann z.B. habe ich die enervierende Konkurrenz- und Distanzmanie satt. Offene Freundschaften stärken das Vertrauen in die Welt als Ganzes und geben innere Ruhe. Die Beziehungen zu Frauen verlieren das Monopol auf Geborgenheit und Unterstützung, das erleichtert die Auflösung der weiblichen Umklammerung. Unabhängigkeit kann auch schon Neid hervorrufen oder eben bekämpft werden, sozusagen die Vorstufe von Eifersucht. In Wirklichkeit habe ich – sogar wenn mir Eifersucht zugemutet wurde, so ziehend es auch war – am Ende doch mehr Mut dadurch bekommen, zu mir selbst zu stehen. Wie wenig habe ich bei mir selbst zugelassen, und was für eine gute Übung im Zulassen ist es, Liebe bei einem anderen Menschen für andere zuzulassen! In heterosexuellen oder, besser gesagt, in Hollywood-Filmen bekommt ja ein Mensch, der zwei andere liebt, immer gesagt: "Entscheide dich: Entweder der oder ich!" Ich wollte aber erstmal gar nicht "austauschen", sondern etwas hinzu, sowohl Mann als auch Frau. Das ist ein Stück bisexuelle Kultur, daß man sich dieser ideologischen Entweder-Oder-Schere im Kopf bewußt wird.
3. Aus einem Interview mit Ronald (73), einem verheirateten Mann, der nach und nach seine schwule Grundstimmung entdeckt:
"Es müßte möglich sein, daß eine Ehe Parallelbeziehungen einschließt!" – 40 Jahre glücklich verheiratet und doch eindeutig schwul? Frage: Ronald, seit wann ist dir deine "homosexuelle Komponente" bewußt, und wie bist du im Laufe deines Lebens mit ihr umgegangen? Mich interessiert, wie vielfältig Menschen leben, und da scheint mir dein Leben sehr interessant zu sein ... Ronald: Schon in der Schulzeit war die Neigung zu Jungs sehr stark. Bei Gesprächen über Frauen, ihre tollen Beine und so, dachte ich immer: "Wovon reden die eigentlich?" Das war aber sehr unbewußt. Dann kam irgendwann die Idee: Zum normalen Leben gehört eigentlich, daß man heiratet. Meine Freunde hatten dann Freundinnen. Ich fand auch einige, die ich kannte, sehr nett, und dann hatte ich mit 19, 20 Jahren auch eine Freundin. Das ging so bis zum Schmusen – sonst nichts.
Aber nix mit Jungs? Absolut null. Außer daß ich in der Schule einen Schulfreund hatte. Den fand ich einfach toll und nett, seine kurzen Hosen waren noch kürzer als meine – die gingen ja früher bis an die Knie, und er hatte sie kürzer. Peter war ein halbes Jahr älter als ich. Den mochte ich sehr gerne. Er ist dann irgendwann sitzengeblieben, und da bin ich zu ihm gefahren und hab ihn getröstet, wir haben beide lange Tränen geweint, und ich hab ihn noch in den Arm genommen – aber das war’s dann auch. Einmal, als seine Eltern nicht da waren, hab ich auch bei ihm geschlafen, im Ehebett, aber keinerlei nähere Berührung. Nähere Kontakte hatte ich überhaupt nicht. Später hatte ich einen Freund, der hatte eine Freundin kennengelernt, eines Tages heiratete der dann, und da war ich richtig eifersüchtig, den mochte ich so gerne. Der hat auch mal bei mir geschlafen – aber nichts passierte. Als der heiratete, war ich absolut eifersüchtig. So habe ich immer mal wieder einzelne Freunde sehr gerne gemocht. Während des Krieges war ich an einer Atlantikküste viele Monate mit Helmut zusammen. Den habe ich heiß und innig geliebt, und er mochte mich auch. Wir lagen in den Mittagspausen manchmal zusammen am Strand in der Sonne, so ganz nah – manche Kameraden haben schon ein bißchen gelästert –, und wir haben nackt gebadet, und auch Körperkontakt gehabt – aber eben nicht so richtig, nicht sexuell, aber doch sehr nah. Von Helmut habe ich ganz, ganz viel gelernt. Wir haben uns über alles, Familie, Beruf usw., unterhalten. Da hab ich so richtig gemerkt: Den mag ich! Von dem hab ich eigentlich auch meine "Aufklärung" erhalten – so mit 20, 21. Und dann habe ich – kurz bevor ich meine spätere Frau Elke kennenlernte – über einen Briefclub eine Anzeige gelesen von einem aus Hannover, der hieß Fritz, und der war ein oder zwei Jahre älter. Da war es also ganz eindeutig. Er kam mich einmal besuchen, 1947, und hat eine Nacht bei mir geschlafen, ich hatte ja nur ein Bett in meiner kleinen Studentenbude, und da haben wir auch was miteinander gemacht – aber das war so verklemmt, irgendwie, aber es war eindeutig. Das war die erste schwule Begegnung. Am nächsten Tag habe ich ihn wieder zum Bahnhof gebracht und ihm anschließend geschrieben, das war eine Art Abschiedsbrief – es war schön gewesen, aber ich fühlte mich einfach überfordert, das fortzusetzen. Er war zwar ein netter Mensch, aber eignete sich nicht für tiefschürfende Gespräche, das war eine rein körperliche Beziehung – und das war ja alles noch ganz schwierig damals in der Zeit, wo das noch strafbar war. Als ich das später meiner Frau Elke erzählte, ich hätte so einen Kontakt gehabt – da fand sie gar nichts dabei, sie hatte da gar keinen Einwand.
Wie hast du ihr das gesagt? Ich hätte da mal einen Freund gehabt, und der hätte bei mir geschlafen, und wir hätten auch so ein bißchen was miteinander gehabt – ich weiß das nicht mehr im einzelnen. Ich hielt es aber für notwendig, diesen "Makel" irgendwie zur Sprache zu bringen. Als ich Elke kennenlernte, war das weniger "Liebe auf den ersten Blick" als ein Gleichklang in ganz tiefsinnigen Gesprächen und große gegenseitige Sympathie. Das war im Kern eigentlich die Basis für die ganze folgende Zeit, daß wir geistig eine so enge Beziehung gefunden haben. Das andere kam dann auch, und dann auch ganz richtig. Später haben wir uns dann verlobt und geheiratet. Das war mir vom Menschlichen her sehr wichtig, die körperliche Ebene hat auch nicht gefehlt – nachträglich habe ich das Gefühl, daß Elke auf der erotischen Ebene vielleicht manchmal ein bißchen zu kurz gekommen ist. Auf der körperlichen ja, auf der seelisch-geistigen eigentlich auch sehr – aber dieses "Zwischenstück", da hat was gefehlt, Elke hat das auch manchmal angedeutet. Da ist mir eben auch was abgegangen; das ist bei mir eher da, wenn ich mit einem Freund zusammen bin, da ist das ausgeprägter, das spüre ich deutlich. Die ganzen Jahre über habe ich immer versucht, irgendwo in einer Sauna oder irgendwo auf einer Insel, etwa in den Dünen, jemanden zu treffen. So hatte ich sehr schöne Erlebnisse. In den 60er und 70er Jahren konnte man sich wirklich auch in einer Dünenkuhle sehr gut unterhalten und auch intim werden. Nur so mit Bumsen und so, das hab ich immer abgewehrt, das war mir noch zu unheimlich. Das kam erst viel später und dann nur in bewährter, total vertrauensvoller Freundschaft. Ich hatte immer das Bedürfnis, parallel beides zu leben. Wenn ich auf Anzeigen geschrieben habe, hab ich das immer als "bi" definiert ...
... was ja auch deiner Lebensrealität entsprach! Ja, in der Realität, aber die Grundstimmung ist schon schwul. Ich hab ja auch außer mit Elke mit keiner anderen Frau zu tun gehabt, außer daß ich einmal "mit Anlauf" lange vor der Heirat zu einer Nutte gegangen bin. Mit Anlauf. Das hat auch funktioniert, aber dann hatte ich auch die Nase richtig voll davon. Elke war eigentlich das erste und einzige weibliche Wesen, mit dem ich richtig intensiv und gründlich und über Jahrzehnte auch schönen körperlichen Kontakt gehabt habe – nie irgendwie widerwillig, aber es hatte nicht die Dimension wie mit einem Freund. Das wurde aber kompensiert durch die sehr starke seelisch-geistige Beziehung. Dann habe ich Ende 1972 auf eine Kontaktanzeige geschrieben. Ich beantwortete die Anzeige von einem 29jährigen aus Süddeutschland. Da kam ganz prompt eine Antwort. Ich machte das anonym über postlagernd mit Codeziffer in einer benachbarten Stadt. Walter schrieb gleich: "Ich traue dir!" Das hatte ich noch nicht erlebt. Aus Anzeigen war bisher nie was geworden, höchstens mal ein Treffen am Bahnhof. Nun gingen Briefe hin und her, auch mal ein Telefongespräch aus der Telefonzelle, und dann haben wir uns verabredet. Ich war auf dem Weg zu einer Tagung und bin etwas früher gefahren. Wir hatten uns Ende April 1973 verabredet in Freiburg am Bahnhof am Blumenstand. Da stand er also, und nun fuhr er mit mir in die Sauna. Das war, wie wenn eine ganz neue Welt aufgeht, ein tief beglückendes Erlebnis.
4. Beginn eines Interviews mit Paul-Anton (17), Waldorfschüler, der erlebt, daß seine Mutter lesbisch ist:
"Ich finde es auf jeden Fall gut, so zu leben, wie man das will" Frage: Kannst du dich erinnern, wann dir bewußt wurde, daß deine Mutter lesbisch lebt? Paul-Anton: Zum ersten Mal richtig bewußt wurde es mir vielleicht so vor eineinhalb oder zwei Jahren, als ich das Lesbischsein meiner Mutter nur so nebenbei in einem Gespräch gegenüber meinem Freund Markus erwähnte. Er unterbrach mich und fragte: "Was, deine Mutter ist lesbisch?" Worauf ich ihm antwortete: "Ja, klar, weißt du das nicht?" Und er sagte: "Nein, das wußte ich noch nicht." In diesem nur sehr kurzen Gespräch stellte sich für mich zum ersten Mal heraus, daß ihm das völlig neu war. Ich hingegen war, ohne darüber nachzudenken, immer davon ausgegangen, daß er das Lesbischsein meiner Mutter genauso als Realität wahrnimmt wie ich. Er kennt sie fast genauso lange wie ich.
Und wie hast du das in der Zeit vorher erlebt? Deine Mutter hatte ja vorwiegend Umgang mit Frauen. Wie war das so für dich, daß da nie ein Mann war? Völlig normal, weil ich es ja nicht anders kenne.
Und du hattest von dir aus da auch keine besonderen Fragen? Nein, ich hatte damit überhaupt keine Probleme. Irgendwie war das für mich immer schon selbstverständlich, daß meine Mutter lesbisch ist oder einfach mit Frauen zusammenlebt.
Mich würde interessieren, wann dir das erste Mal ins Bewußtsein gekommen ist, daß es außer deiner Mutter noch andere homosexuelle Menschen gibt und die sogenannte Normalität eigentlich woanders liegt? Wahrscheinlich in der Situation mit Markus, weil er auf das Lesbischsein meiner Mutter völlig erstaunt und fragend reagierte. In dieser Situation wurde mir bewußt, daß die meisten Menschen davon ausgehen, daß alle anderen heterosexuell leben, und nicht auf die Idee kommen, daß es auch anders sein könnte. Deshalb habe ich nach dem Gespräch mit Markus zunächst meinen Freund Tobias angesprochen, denn auch er kennt meine Mutter schon seit vielen Jahren. Er hatte es auch nicht vermutet, und so sprach ich nach und nach immer mehr aus meiner Schulklasse darauf an. Auf diese Weise wußten es dann bald alle in der Klasse. Sie fragten mich, ob das wahr sei, und ich sagte "Ja, klar", worauf keiner mehr darüber geredet hat.
War es dir also ein Bedürfnis, den anderen das Lesbischsein deiner Mutter mitzuteilen? Ja.
Hattest du dann manchmal auch das Bedürfnis, mit anderen darüber ausführlicher zu reden? Eigentlich nicht, weil es für mich ja keinerlei Erklärungsbedarf gab.
Kannst du dich an Reaktionen erinnern? Nicht mehr so konkret, weil ich darauf nicht so geachtet habe. Die meisten haben es eher erstaunt zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter nachgefragt.
Aber später passierte doch etwas? Ja, aber das war sehr viel später, bestimmt ein Vierteljahr danach.
Erzähl doch mal ... Einige meiner damaligen Freunde hatten einen Haß gegen meine Mutter, weil ich abends nie so lange wie sie wegdurfte oder erst gar nicht mit ausgehen durfte. Sie wollten mich öfter mitnehmen, z.B. zum Übernachten im Proberaum der Band. Weil ich nie mitdurfte, haben sie eine Wut auf meine Mutter gekriegt und die schließlich rausgelassen.
Wie? Eines Nachts klingelten sie hier und schrien in die Sprechanlage: "Du lesbische Sau!" und sind dann schnell abgehauen. |
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