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FLENSBURGER HEFTE 67                                                                                Zurück

Esko Jalkanen – der Heiler aus dem Norden

Vom Zauber finnischer und baltischer Kultur

 

 

Leseproben:

 

1.

Sirkku Lumioksa, Volkskundlerin und Waldorflehrerin, schreibt in ihrem Einleitungsartikel "Hoch im Norden" u.a. über die Einweihung des Schamanen und die Forschungsarbeiten des estnischen Präsidenten:

 

Die Einweihung eines Schamanen

Um kurz auf die schamanistische Einweihung einzugehen, stütze ich mich auf eine kleine Abhandlung von Toivo Lehtisalo. Lehtisalo war einer der späten Wissenschaftler, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts anschickten, die ursprünglichen Wurzeln der finnischen Kultur zu studieren. Er reiste sehr weit und landete bei den Juraksamojeden. 1923 brachte er Studien über ihre heiligen Stätten heraus, nachdem er ein Jahr zuvor ihre Lieder publiziert hatte. 1924 entstand eine Skizze ihrer gesamten Mythologie. Und das ist lange nicht alles, was er gesammelt und niedergeschrieben hat.

Lehtisalos letzte Publikation, "Der Tod und die Wiedergeburt des künftigen Schamanen", auf die ich mich hier stütze, ist für den Leser nicht ganz einfach zugänglich, aber wegen seiner späten Augenzeugenberichte doch sehr interessant. Ein Großteil liest sich wie ein mystisches Märchen und bringt uns den Kern des schamanistischen Weltbildes vor Augen, das drei-, sieben- oder neunteilig gegliedert sein konnte. Die Welt war entsprechend in drei, sieben oder neun verschiedene Ebenen gegliedert, und der Mensch bewohnte stets die mittlere. Diese Ebenen oder Welten wurden von einer kräftigen Säule, einem Baum – z.B. die große Eiche der Kalevala oder die Weltenesche Yggdrasil der Edda – oder von einem hohen Berg getragen.

Toivo Lehtisalo schildert nun, wie der Mensch, der eine solche Einweihung durchmacht, alle erdenklichen Schrecken erleben muß. Er schreitet durch die Tore des Todes, wird von Dämonen zerstückelt, seine Knochen werden durch Kochen freigelegt, sein Schädel auf einem Amboß zerschlagen. Seine in dieser Weise umgewandelte Substanz – sowohl das Geistige als auch das Physische – wird nun gehärtet wie das Eisen in der Schmiede.

Wir erkennen in dieser Erzählung Lehtisalos Elemente, die auch in der Kalevala geschildert werden, und zwar im 13. bis 15. Gesang, in denen Lemminkäinen den Elch des Hiisi, das Pferd des Todes und den Schwan des Todesflusses Tuonela jagen soll. Die fatale Jagd endet schließlich am Fluß des Totenlandes, an dem Lemminkäinen getötet und von den dämonischen Wesen des Todesreiches zerstückelt wird. Erst nach einiger Zeit gelingt es seiner Mutter, den Toten zu finden, die Teile seines Leichnams einzusammeln, zusammenzufügen und wieder zum Leben zu erwecken.

Solche Berichte zeigen auch vielfältige Gemeinsamkeiten mit sonstigen bekannten Einweihungsriten. Es liegt nahe, daß die Schilderungen der Kalevala oft mit der antiken Mythologie in Verbindung gebracht werden. Ähnliches klingt auch in den letzten Prüfungen der Chymischen Hochzeit von Johann Valentin Andreae an. Und die Studien Mircea Eliades haben viel zu einer vergleichenden Betrachtung von Alchemisten und Schamanen beigetragen. Aber besonders interessant wird diese Einweihung, die im Bild wie das Schmieden des Eisens geschieht, durch die Ausführungen von Lennart Meri.

 

Eine unbekannte Einweihungsstätte

Lennart Meri ist der heutige estnische Präsident. Er gehört zu den nationalen Kulturträgern, die ihr Amt im Zuge der letzten großen Veränderungen im Osten aufgrund ihrer wissenschaftlichen und kulturellen – nicht der politischen – Leistungen bekommen haben.

Die Filme, die er in den letzten Jahrzehnten drehte, sowie seine Bücher gehören zu den ersten Lehrstoffen, die ein Student der Finnougristik kennenlernt. In dem Film "Das Volk des Wasservogels" zeigt Meri z.B., wie mit archäologischen und sprachwissenschaftlichen Methoden die Wanderwege der finno-ugrischen Völker rekonstruiert wurden.

In seinem Buch "Hopeanvalkea" ("Silberweiß", Jyväskylä 1982) versucht er, auf 400 Seiten den Beweis zu erbringen, daß die sagenhafte Insel Thule, die in antiken Mythen als im hohen Norden gelegen beschrieben wird, an der Stelle der estnischen Insel Ösel (Saaremaa) zu lokalisieren ist. Meri vergleicht in diesem Buch die Aussagen antiker Weltentdecker und Weitgereister, die genaue Beobachtungen über den Sonnenstand gegeben haben, mit den tatsächlichen astronomischen Begebenheiten. Seine Quellen sind dabei u.a. Pytheas aus Massalia, Diodoros aus Sizilien, Plinius d.Ä., Strabon und Kosmas Indikopleustes. Und er erzählt, wie diese über "die Todesstätte der Sonne" sprechen.

Fest steht, daß in der Zeit zwischen 600 und 130 v.Chr. ein Meteorit auf der Insel Ösel einschlug. Wir können dort heute einen großen Krater von der Tiefe eines neunstöckigen Hochhauses erkennen. Rundherum sind noch sieben kleinere Löcher zu finden. Wissenschaftler schätzen, daß die Masse des Meteoriten von Kaali – so heißt der Ort – 450 Tonnen betrug und daß der Knall der Explosion, die mit der Kraft zweier Hiroshima-Bomben zu vergleichen ist, im Umkreis von 700 km zu hören gewesen sein muß.

Die Archäologen fanden auf der Insel Ösel eine vollkommen verbrannte Schicht. Und es ist ausführlich dokumentiert worden, wie seinerzeit zwei wichtige prähistorische Befestigungen in Asva und Ridala, die für die Seefahrt im nördlichen Ostseegebiet wichtig waren, zur selben Zeit zerstört wurden. Infolge dieser Katastrophe regnete eine unglaubliche Menge meteorischen Eisens auf Estland nieder. Auf ein Land, das bisher in der Bronzezeit lebte, regnete nun vom Himmel ein ganz neues Metall.

In der Edda können wir in der Weissagung der Seherin folgende Sätze lesen:

 

"Die Sonne wird schwarz,

Land sinkt ins Meer.

Es stürzen vom Himmel

die strahlenden Sterne.

Es rast der Brandrauch

wider das Feuer.

Die lodernde Lohe

spielt hoch in den Himmel."

 

Und etwas später:

 

"Da werden sich wieder

wundersame goldene Tafeln

im Grase finden,

die sie in ältester

Zeit schon hatten."

 

Lennart Meri schildert, wie damals die Sonne durch die Feuer und Rauchwolken tatsächlich eine lange Zeit hinter einem schwarzen Schleier verschwinden mußte. Auch in der Kalevala ist ein ähnliches Szenario als Wirkung einer Katastrophe beschrieben: Die Sonne wird gefangen, in den Felsen gebannt und kann nicht mehr scheinen. Meri stellt nun weiter dar, wie als Antwort auf diesen gewaltigen Vorgang, daß "die Sonne vom Himmel stürzte", auf Ösel eine Einweihungsstätte entsteht, die eine der Sonnenmysterienstätten des Ostseeraums wird. An diesem Ort verehrte man "das Grab der Sonne". – Er führt auch Berichte von Apollonius von Rhodos über die mythische Insel Elektrida an, auf der große Vorkommen von Bernstein zu finden sind. Die isländischen Sagen erzählen über den norwegischen Königssohn Olav, daß er lange Jahre auf dieser Insel als Sklave gehalten wurde.

 

 

 

2.

Esko Jalkanen heilt nicht nur die Erde und die Menschen, sondern pflegt auch intensive Zusammenarbeit mit verschiedenen Naturgeistern, z.B. den Luftgeistern, wie er in einem Interview mit Wolfgang Weirauch berichtet:

 

Die Tochter des Windes

Wolfgang Weirauch: Sie sprachen von einem Luftgeist, der hier ganz in der Nähe Ihres Hauses wirkt. Könnten Sie die Gestalt dieses Luftgeistes beschreiben?

Esko Jalkanen: Der Luftgeist heißt "Tochter des Windes". Die Gestalt ist sehr wechselhaft und ganz anders als die der Schutzgeister. Die Gestalt eines Naturgeistes ist abhängig von der Aufgabe, die er hat. Das Aufgabenfeld dieses Luftgeistes ist die Harmonisierung der Wetterverhältnisse. Dieser Luftgeist braucht für seine Gestalt und für sein Wirken einen gewissen Kraftumkreis, der um die alten Bäume auf diesem Grundstück vorhanden ist. Die "Tochter des Windes" braucht mehrere dieser alten Bäume, die in einem Umkreis von 1,5 km stehen. Aus diesem Umkreis saugt sie Kräfte, um ihre Gestalt zusammenzuhalten.

Luftgeister existieren u.a. durch die Kraft dieser alten Bäume, und deshalb ist es besonders schlimm, daß man in Finnland sehr viele der alten Bäume abgeholzt hat. Merkwürdigerweise brauchen die Luftgeister für ihre Existenz Nadelbäume, keine Laubbäume. Besonders geeignet sind Fichten und Tannen. Solche alten Nadelbäume stehen in Finnland manchmal noch am Ufer von Seen.

Ein Mensch, der von diesen Zusammenhängen ein Bewußtsein hat, kann einen Baum benennen, der normalerweise kein Kraftzentrum für die Luftgeister ist. So ein Baum wird dann zu einem Wetterbaum, und es entsteht eine Beziehung zwischen ihm und den Luftgeistern. Ein Mensch, der ein Stückweit den okkulten Pfad gegangen ist und der ein geistiges Feld um sich entwickelt hat, hat das Recht, einen Wetterbaum zu benennen. Dazu muß er folgenden Satz sprechen: "Ich bitte darum, dich zum Wetterbaum zu ernennen."

W.W.: Wie unterscheidet sich die Gestalt eines Baumgeistes von der eines Luftgeistes?

E. Jalkanen: Der Luftgeist hat eine menschenähnliche Gestalt und eine Größe – wenn man es überhaupt in irdischen Maßen ausdrücken kann – von etwa 150 m Länge. An seinem Kopf bewegt sich etwas, was wie Haare aussieht, die sich im Wind bewegen; aber natürlich ist das alles nicht physisch-materiell. Ich kann diesen Luftgeist immer fragen, wie in den kommenden Tagen das Wetter werden wird. Weihnachten habe ich die "Tochter des Windes" gefragt, wie das Wetter in diesem Winter werden wird, und sie hat mir geantwortet, daß es nur eine Kältephase von –30° C in diesem Winter geben wird.

 

Dolmetscher zwischen Jenseits und Diesseits

W.W.: Wie kommunizieren Sie mit diesem Luftgeist? Ist das ein rein innerer Gedankenaustausch?

E. Jalkanen: Laut spreche ich nicht. Es ist ein innerer Prozeß. Das Gespräch mit den Naturgeistern ist ein ganz anderes als zwischen Menschen. Die menschliche Sprache auf Erden basiert auf einem Zeitstrom, das Gespräch mit Naturgeistern hat etwas Räumliches, es ist wie ein Blitzen. Wenn wir hier im Diesseits einen Satz aussprechen, wird er im Jenseits von einem räumlichen Blitzen begleitet. Und wenn aus der geistigen Welt ein räumliches Blitzen hervorbricht, muß dies auf Erden in menschliche Worte übersetzt, also in den Zeitstrom integriert werden. Ich fühle mich wie ein Dolmetscher zwischen der jenseitigen und der diesseitigen Welt. Was die Naturgeister sagen, verstehe ich als Sätze, obwohl ich weiß, daß es nur Blitze sind. Und was ich ihnen sage, wird dort als ein Blitzen verstanden, obwohl es nur ein irdischer Satz ist. Und diese Übersetzung ist unabhängig von den Sprachen. Wenn ich in Indien bin, kann ich den indischen Naturgeistern einen finnischen Satz sagen, und sie verstehen es.

Früher, als der Mensch noch ein ätherisches Wesen war, also noch nicht einen so festen physischen Leib hatte, gab es auch noch nicht die vielen Sprachen, und die Menschen verstanden sich seelisch-geistig. Wenn wir in den nächsten Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden mehr und mehr ein höheres Bewußtsein entwickeln, werden sich die Menschen wieder auf diese Weise verständigen können.

Zu der Erkenntnis, daß die menschliche Sprache und die irdischen Begriffe in diese blitzartigen Geistfiguren übersetzt werden müssen bzw. umgekehrt, kam ich während eines Seminars, das ich im Mai am Inarisee gehalten habe. Zu dieser Zeit waren dort die Bäche noch zugefroren. An einem Fluß gab es aber eine offene Stelle. Ich stand gerade dort in der Nähe, als zwei Schwäne herangeflogen kamen, um auf dem Wasser der offenen Stelle zu landen. Kurz vor ihrer Landung schwangen sie sich aber noch einmal empor. Und währenddessen hörte ich eine innere Stimme, die mir sagte: "Da gibt es Menschen, die suchen offene Stellen." Durch die Worte dieser inneren Stimme kam ich zu der Erkenntnis, wie menschliche Begriffe in übersinnliche Wahrnehmungen und übersinnliche Wahrnehmungen in die Begriffswelt übersetzt werden müssen.

W.W.: Woher kam diese Stimme?

E. Jalkanen: Aus der ätherischen Welt. Eigentlich sind die ätherische Welt und die geistige Welt für den Menschen ganz offen, aber die Menschen sind heutzutage viel zu abgelenkt, um entsprechende Wahrnehmungen machen zu können.

 

 

 

3.

Esko Jalkanen schreibt in seinen Texten z.B. auch über die Beziehung zwischen Naturgeistern und Menschen:

 

Die Naturgeister als Krankenpfleger

Die Naturgeister begleiteten den Menschen durch die gesamte physische Entwicklung. Zwischen ihnen bildete sich eine Arbeitsbeziehung, in der der Mensch gewissermaßen die Rolle des Hausvaters hatte. Viele gewaltige Bauten sind als Erinnerung an diese Zeiten übriggeblieben.

Es ist unmöglich zu beschreiben, wozu ein Naturgeist fähig ist. Es ist leichter zu beschreiben, was er nicht kann. Wenn sich ein Wesen unter der kosmischen Führung befindet, ist der Mangel an Vernunft kein Problem.

Die Naturgeister sind heute oft im Ruhezustand, ohne daß ihre Kräfte aktiviert sind, tatenlos und scheu, sogar Flüchtlinge durch die Taten der Menschen. Aber dort, wo Zusammenarbeit entstanden ist, gedeiht diese gut. Unsere Freunde kleiden sich sogar passend für ihre helfende Tätigkeiten.

In dem Moment, in dem langwierige Krankheiten im Ätherleib beginnen – also im Bereich der Naturgeister –, ist das Arbeitsfeld nicht weit. Man braucht nur eine perfekte Freundschaft und die Fähigkeit, mit ihnen zu sprechen, um eine Arbeit zu beginnen. Die Führung kommt von der Gruppenseele.

 


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