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FLENSBURGER HEFTE 65:                                                        Zurück

Doppelgänger

Der Mensch und sein Schatten

 

 

Leseproben

 

1.

Klaus-Dieter Neumann, Redaktion FH, schildert in seinem Artikel "Eight days a week" eigene Doppelgängererlebnisse, z.B. einen nächtlichen Besuch an seinem Bett:

 

Ein Schlag ins Weltbild-Kontor

Es waren noch nicht allzu viele Jahre ins Land gegangen, daß die Beatles ihre Hitzeile "Eight days a week I love you" durch den Äther geschickt hatten. Bewegende Jahre, in denen man sich manchmal auch mühte, diesem süßen Ohrwurm gerecht zu werden. Aber das ist nur ein Nebengleis. Wir wohnten seinerzeit in einem kleinen zweigeschossigen Häuschen an der Biegung einer kopfsteingepflasterten Straße, die leicht zu einem schmalen Bachtal abfiel. Wir teilten das Haus in einer Wohngemeinschaft von fünf Leuten plus "Opi", einem wackeren alten Herrn, der immer leise vor sich hinpfiff, um seinen schweren Atem zu übertönen. Er hatte sich im Erdgeschoß ein Refugium bewahrt, die restlichen Räume des Hauses teilten wir unter uns auf – drei oben, zwei unten.

Ich muß wohl knapp 20 Jahre alt gewesen sein, als sich ein Ereignis zutrug, das zwar bemerkenswert, aber im Grunde auch wieder nicht so herausragend war, daß es als singuläres Geschehen mein damaliges Leben auf den Kopf gestellt hätte. Schon lange Zeit hatten wir über den Geist der Welt zu Rate gesessen, uns tage- und nächtelang die Köpfe – auch Hände und Füße – heißgeredet, wie denn die Welt wohl beschaffen sei: so wie sie unserer Wahrnehmung und unserem Gegenstandsbewußtsein erscheint oder magisch-ideell, geistdurchdrungen und eben zu einem guten Teil gänzlich anders, als sie durch die Tore unserer Wahrnehmung an uns dringt.

Letzteres war mir schon klar und in vielerlei Erfahrungen zur Gewißheit geworden. Aber Gott – oder wie auch immer man ihn nannte – wollte sich dieser Erfahrungswelt des alles durchziehenden Allgemein-Geistigen einfach nicht zeigen, und davon hing es für mich unbescheidenerweise ab, ob ich ihn als gesicherte Erkenntnis in mein Weltbild aufnehmen konnte oder nicht. Ein guter Freund, dem meine argumentativen Dauerzweifel manchmal eine harte Nuß waren, riet mir dann eines Tages, es doch mal mit Beten zu probieren, bzw. er stellte einfach apodiktisch fest, daß ich nur zu beten bräuchte, und Gott würde sich schon zeigen. Und zwar würde ich das so deutlich vernehmen, wie das Schlagen einer Glocke.

Das Beten gehörte damals nicht zum Repertoire meiner seelisch-geistigen Betätigungen, aber ich überwand mich und betete tatsächlich in tiefstem und heiligstem Ernst: Wenn es dich gibt, dann zeige dich mir. – Das ist etwas verkürzt wiedergegeben, denn es war in aller Einfachheit eine wunderbare Bitte und Ansprache, wie man sie nur jemandem gegenüber empfindet, zu dem man sich mit seinen ganzen Wesen wenden kann.

Wenige Tage waren seitdem ins Land gestrichen, als ich nachts in meinem knorrigen, aus gehobelten Baumstämmen gefertigten Bett lag und allein vor mich hinschlief. Am Kopfende und rechts stieß das Bett direkt an die Wände, nach links blickte man über eine kleine Ablage in den Raum und auf die Balkontür, die der Zimmertür an der rechten Fußseite des Bettes gegenüberlag. Es war dunkel im Zimmer, nur ein wenig Licht schien von der Balkontür hinein, als ich in dieser Nacht wach wurde. Zunächst empfand ich nichts Besonderes, als ich mich auf den Rücken drehte und mein Blick zum Fußende des Bettes fiel.

Doch dann umzog es mir den Brustkasten, und in wenigen Bruchteilen des stockenden Atems – als wäre in nur einem kleinen Hechelzug ein vielfaches Ja? – Nein! – Ja! enthalten – mußte ich mir darüber klarwerden, daß jemand an meinem Bett stand. Da es so dunkel war, dauerte es ein Weilchen – auch wenn dies wieder nur ein aufgeregter Atemzug gewesen sein mag –, bis ich mir darüber wirklich klar war: Ja! Da stand jemand an meinem Bett, hatte mir seine linke Seite zugewandt und war in seinem dunklen Mantel auf die Balkontür gerichtet, so als wäre er gerade zur Tür hereingekommen. Und er sagte keinen Ton!

Im ersten Moment dachte ich, es wäre der Freund aus dem Nebenzimmer, der hier so düster etwa zwei Schritte von der Zimmertür entfernt zwischen Bett und meinem Schreibtisch stand. Während meine Augen fieberhaft versuchten, das Dunkel zu durchdringen, tappte meine linke Hand auf der Ablage nach meinem Wecker, griff ihn, und als ich ihn vor mein Gesicht führte und die Zeit erkennen konnte, änderte sich meine ohnehin aufgeregte Stimmung schlagartig in blankes Entsetzen. Es war halb fünf Uhr morgens. Das allein hätte noch nichts Ungewöhnliches bedeutet, wenn um diese Zeit jemand der Mitbewohner noch wach und im Haus unterwegs gewesen wäre. Aber nun sah ich auch die Gestalt deutlicher, vor allem sah ich, daß sie eine Plastiktüte in der Hand hatte und daß der Kopf einfach nicht wahrzunehmen war!

Nun fühlte ich mich wirklich bedroht, denn niemand von meinen Mitbewohnern – bei aller Exklusivität der Lebensformen – hatte die Angewohnheit, spät in der Nacht mit einer Einkaufstüte in der Hand seinen Mitmenschen schweigende Besuche abzustatten. Und schon gar nicht ohne Kopf! Oder wenn dieser nächtliche Besucher denn einen Kopf gehabt hat, muß der sich irgendwo zwischen waberndem Nichts und schwarzem Nebel konfiguriert haben. Ich konnte jedenfalls nichts erkennen. Aber das war jetzt auch schon egal. Meine Zehen krallten sich unwillkürlich in die Matratze, dann wieder stemmte ich mich mit den Hacken ab, um weiter ans Kopfende zu rücken, während meine Hände schon hektisch an der Tapete der Wand hinter meinem Kopf langwischten, um den Schalter der dort angebrachten Leselampe zu finden.

Es war ein grausiger Moment der Gewißheit, daß sich irgend etwas Bedrohliches vor mir aufgepflanzt hatte! Gedanken hatte ich nun keine mehr, außer endlich diesen verdammten Schalter unter dem kleinen Lampenschirm zu finden – den Blick immer fest auf die dunkle Gestalt gerichtet, die dort nach wie vor einfach nur herumstand. Endlich drückte ich auf den Lichtschalter, und zu meinem großen Erstaunen war die Gestalt sofort verschwunden. Oder besser gesagt: Ich konnte sie jedenfalls nicht mehr sehen. Und das genügte schon, daß mein ganzer hineingehechelter Atem in großer Erleichterung entwich.

Das ganze Erlebnis dauerte nur eine kurze Zeit, und ich war froh, daß es endlich vorbei war, auch wenn die Empfindung natürlich weiter auf Hochtouren in den Raum hineintastete, um zu erspüren, ob dieses Wesen tatsächlich ganz verschwunden oder noch weiter um mich herum anwesend war. Aber als ich mich weiter beruhigte, war mir das letztendlich egal. Hauptsache es war kein Mensch!

 

 

 

2.

Frank Hörtreiter, Pfarrer der Christengemeinschaft, erläutert in dem Interview "Schatten des Menschen" die verschiedenen Doppelgängerwesenheiten. Lesen Sie folgenden Auszug über die Symbiose zwischen Mensch und Doppelgänger:

 

Die Impulse des Doppelgängers werden zu den eigenen

Wolfgang Weirauch: Kann man zwischen den Gedanken, Gefühlen und Handlungen der eigenen menschlichen Individualität und den Intelligenzkräften und Impulsen des Doppelgängers in einem unterscheiden?

Frank Hörtreiter: Es ist die Frage, ob man das überhaupt mit einem ausschließenden Entweder-Oder entscheiden kann. Weil ich diesen Doppelgänger und seine Impulse ständig in mir habe, ist sein Wirken so sehr mit meinem Seelenleben verschmolzen, daß mal seine Intelligenz- und Willenskräfte, mal meine eigenen in meinem Blickfeld erscheinen. Beide Bereiche sind wie in einem Vexierbild enthalten, und ich kann sie sogar bei sensibler Beobachtung konturenscharf unterscheiden. Aber die Seelenimpulse des Menschen und die des Doppelgängers befinden sich in demselben Bild. Das braucht man auch nicht zu verteufeln, denn ich muß z.B. nicht spirituell denken, wenn ich den Vergaser meines Autos auseinandernehme, und welche Sorte Intelligenz mich den Fehler finden läßt, ist eigentlich nicht besonders wichtig. Zwar ist es eine Maschinenwelt, in der ich mich dann bewege, aber ich kann mir auch darüber klar werden, daß ich meine Gedankenkraft in jedem Augenblick auch auf etwas anderes lenken kann. Ich könnte z.B. meinen einsamen Nachbarn fragen, ob er mir beim Reparieren des Autos helfen kann. Und dann habe ich im selben Erlebnisfeld eine andere Dimension, durch die mir neue, weiterreichende Gedanken kommen, als wenn ich nur vor mich hinwerkele und darüber nachdenke, wie ich alles allein repariere. Bei der Unterscheidungsfähigkeit kann es also nicht um ein Entweder-Oder gehen, denn ich mache auch die Impulse des Doppelgängers zu meinen eigenen.

W.W.: Das ist im Grunde ja etwas völlig Menschenübliches. Wie viele Gedanken und Ideen sind wirklich von uns originär gedacht? Die meisten haben wir von anderen Menschen übernommen, z.B. auch von Steiner, und trotzdem empfinden wir die aufgenommenen Ideen und Gedanken als unsere eigenen. Ein ursprünglich von einem anderen Menschen gedachter Gedanke wird z.B. von uns durchdacht, als richtig empfunden, und nach drei Jahren erinnern wir uns bestimmt nicht mehr an den Schöpfer dieses Gedankens, sondern empfinden den Gedanken als unseren eigenen. Ähnlich stelle ich es mir auch in bezug auf die Gedanken dieses Doppelgängers vor.

F. Hörtreiter: Ganz genau. Wenn wir nur die Gedanken als eigene Gedanken erleben dürften, die wir in der Welt als erster gedacht haben, dann würde nicht viel übrigbleiben.

 

Wenn der Doppelgänger einen verläßt

W.W.: Gibt es Übungen, die einen in die Lage versetzen, diesen Doppelgänger zu schauen, oder gibt es Augenblicke, in denen man ihn besonders spürt?

F. Hörtreiter: Diesen Doppelgänger kann man manchmal bei Sterbenden wahrnehmen. Ich kannte z.B. eine Frau, die über 90 Jahre alt war. Sie war über 60 Jahre Kettenraucherin und gewöhnte sich an ihrem Lebensabend das Rauchen von einem Tag auf den anderen ab. Kurz darauf starb sie. Einer ihrer letzten Sätze, die sie kurz vor ihrem Tod mit ihrem trockenen Humor sagte, war: "Ich bin dumm." Und sie hatte wirklich das Empfinden, daß ihr etwas entglitten war. Man kennt von alten Leuten, die ins Altersheim wechseln, das Phänomen, daß sie die Einzelheiten der Räumlichkeiten nicht mehr seelisch durchdringen können und so zu der Annahme gelangen, man würde sie ständig bestehlen. Ähnlich kann man auch das Empfinden haben – kurz vor dem Tod, wenn der Doppelgänger herausschlüpft –, daß man seiner Intelligenz bestohlen wird.

Das Heraustreten des Doppelgängers kurz vor der Todesschwelle kann etwas Befreiendes und Friedvolles mit sich bringen, auf der anderen Seite kann es aber auch dazu führen, daß sich ganz schreckliche Abgründe im Seelenleben des Menschen auftun. So etwas beschreibt Wilhelm zur Linden in seiner Autobiographie "Blick durchs Prisma". Er schildert dort einen General, der kurz vor seinem Tod dermaßen unter sein menschliches Niveau sackte, daß sogar jemand seiner lieben Verwandten aussprach: "Wenn das Vieh doch verreckte!" Das ist die Schilderung eines sehr eindrucksvollen und ein bißchen gruseligen Vorgangs.

Aber es gibt eben auch den Zustand des friedlichen Abschieds vom Doppelgänger. Und ich habe es hin und wieder erlebt, daß die Menschen in den Tagen vor ihrem Tod etwas Leichtes – aber nicht Euphorisches –, fast humorvoll Entsagendes seelisch ausstrahlen. Oft bin ich auch von Dritten auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht worden. Vor allem Krankenschwestern können so etwas manchmal wunderbar fein beobachten. An dem seelischen Gespür, daß solch ein Mensch leichter wird, entwickeln sie hin und wieder die Ahnung, daß der Mensch bald sterben wird. Und dann rufen sie einen Priester zur Letzten Ölung. Ich bin immer sehr froh, wenn durch solch ein Gespür der heilige Augenblick kurz vor dem Tod nicht verpaßt wird.

W.W.: In anthroposophischen Kreisen hört man immer wieder einmal, daß in bezug auf besonders schlechte Gedanken oder Taten eines Menschen gesagt wird: Das war sein Doppelgänger. Wie steht es mit der Verantwortung des Menschen und seinem Schuldigwerden? Kann man die Verantwortung und Schuld überhaupt auf den Doppelgänger abwälzen?

F. Hörtreiter: Die Schuld auf den Doppelgänger abzuwälzen, ist natürlich ein Unding. Das ist ungefähr so, als würde ich einen Bumerang werfen, der mich anschließend wieder trifft. Dieses Ignorieren der eigenen Schuld ist etwa genauso logisch, als würde ich sagen: Das war nicht ich, sondern ich. Dieses Schuldabwälzen ist eine Ausflucht, die nichts bringt.

 

 

 

3.

Wolfgang Weirauch, Redaktion FH, unterscheidet in seinem Artikel "Der Mensch und seine Doppelgänger" sieben verschiedene Doppelgängerwesenheiten und schildert ihre Wirkung im, mit und auf den Menschen. Daraus ein Auszug:

 

Der grüne Mann

Es gibt Abende, die eine besondere Ruhe ausströmen, an denen die Stille so dicht wird, daß man zu glauben geneigt ist, die Zeit würde anhalten. So war es auch an dem Frühlingsabend, den ich nie vergessen werde. Das Tauwetter hatte schon seit Tagen eingesetzt, der erste Frühlingssturm hatte sich gerade gelegt, und es war der erste schöne Frühlingstag des Jahres. Ich saß allein im Wohnzimmer eines befreundeten Ehepaares und las einen Roman, als es dunkel zu werden begann. Der Inhalt des Buches nahm mich so gefangen, daß ich meine Umwelt völlig vergaß und mich eine eigentümliche Stille umfing.

Plötzlich stockte mir der Atem, und das Buch fiel mir buchstäblich aus der Hand, denn ein schriller Schrei gellte durch die Wohnung und belegte auch den letzten Winkel mit einer furchterregenden Stimmung. Es blieb nicht bei dem einen Schrei, ein zweiter, ein dritter, ein vierter folgte ... ich habe sie nicht gezählt, alles ging so schnell. Jäh aus meinem inneren Frieden aufgeschreckt, stürzte ich ins Nachbarzimmer, wo die kleine Simone schlief. Als ich die Tür zu ihrem Zimmer aufriß, stand sie aufrecht im Bett, mit zerzausten Haaren, eng an die Wand gedrückt und kreischte mit angsterfüllter Stimme: "Geh weg, geh weg ..."

Im ersten Moment fühlte ich mich angesprochen, merkte aber schon bald, daß ich nicht gemeint war. Ich konnte Simone beruhigen, und als sie sich wieder hinlegte, murmelte sie noch: "Er soll endlich weggehen", ehe sie wieder in den Schlaf versank. Am nächsten Morgen vor der Schule – Simone ging damals in die dritte Klasse – sprach ich sie auf das nächtliche Erlebnis an, aber sie hatte alles vergessen. Wenn auch verhalten, so bemerkte ich aber doch an ihr eine leicht verschreckte Reaktion, so als ob sie genau wisse, wovon ich spreche.

Als ich nach Monaten wieder bei dieser Familie zu Gast war, erfuhr ich die ganze Wahrheit. Schon seit über einem Jahr wurde die kleine Simone nachts und manchmal auch am Tag von einem geistigen Wesen geplagt. Sie nannte dieses Wesen den "grünen Mann". Meist erschien er abends, bevor sie einschlief. Die Wand ihres Zimmers – so erzählte sie – beginnt dann zu leuchten, und in dem Muster der Tapete zeichnen sich die Umrisse einer häßlichen grünlichen Gestalt ab, die sich nach und nach aus der Wand löst und an das Fußende des Bettes tritt. Zuerst schaute das Männchen sie nur an, später begann es aber zu sprechen und forderte Simone auf, verschiedene Dinge zu tun, z.B. ihre Puppen in Reih und Glied auf die Bettkante zu setzen, bestimmte Gegenstände auf dem Schreibtisch genauestens zu ordnen und zu stapeln und ein Engelbild vor dem Schlafengehen abzuhängen und zu verstecken. Verbunden waren diese Forderungen teilweise mit Versprechungen, z.B. daß sie an bestimmten Schultagen eine gute Mathearbeit schreiben würde.

Diese gelegentlichen Besuche des grünen Mannes führten bei Simone zu starken Angstzuständen. Jeden Abend hatte sie Panik vor dem Einschlafen, sie schaute unters Bett und hinter den Vorhang, das Licht durfte nicht ausgeschaltet und die Tür ihres Zimmers nicht geschlossen werden. Hinzu kamen die verschiedenen Ticks und Zwangshandlungen, die sie über den Tag hin auf Befehl des grünen Mannes ausführte und die sie in vorauseilendem Gehorsam auch gehörig übertrieb.

Eines Nachts aber war der Spuk vorbei. Wieder wachte Simone auf, aber dieses Mal sah sie in der offenen Tür ein strahlend helles Licht, und in diesem Licht leuchtete eine Engelgestalt, die in ihrer Rechten ein feuriges Schwert hielt. Nach diesem Erlebnis ist der grüne Mann nicht mehr erschienen.

 

Das Frettchen

Er hatte etwas von einem Frettchen: eine dünne, lang aufgeschossene Gestalt mit leicht gebeugter, schlaffer Haltung; dazu ein dünnes, spitz zulaufendes Gesicht, das ihm diesen Nagetiercharakter verlieh. Seine Augen blickten flink hinter runden Brillengläsern hervor, und seine Nase schien ständig etwas zu wittern, während seine Mundpartie meist zu einem leicht verächtlichen Zug verzogen war.

Es ist sehr lange her, daß ich ihm zum ersten Mal begegnete. Er hockte auf einem Geländer vor einer Szenekneipe in der Fußgängerzone und beobachtete die Passanten – so auch mich: "Eh, Alter, wer bist du denn?" warf er mir gelangweilt entgegen, als ich an ihm vorbeiging. Warum er mich ansprach, weiß ich bis heute nicht. Etwas verdutzt rutschte mir der nicht sonderlich intelligente Satz "Ich bin ich" heraus.

Eigentlich erwartete ich eine ähnlich nichtssagende Reaktion von ihm und wollte auch schon weitergehen, aber es kam ganz anders. Er nickte vielsagend mit dem Kopf, so wie jemand, der aufgrund eines reichlichen Erfahrungshintergrundes mehr weiß als die anderen, und entgegnete leicht versonnen mit herabgedämpfter Stimme und ohne mir in die Augen zu schauen: "Sei froh, daß du wenigstens noch du selbst bist."

Leicht irritiert fragte ich zurück: "Wer sollte ich denn sonst sein?"

"Na, der andere, dein Doppelgänger."

Dieses Thema elektrisierte mich ziemlich, und ich setzte mich neben ihn auf das Geländer, während er mir bereitwillig seine Geschichte erzählte.

"Es ist jetzt das dritte Mal, daß ich mir selbst begegnet bin. Das erste Mal hatte ich Drogen genommen, und zwar Stechapfel. Es war spätabends im November, und dicke Nebelschwaden durchzogen die Straßen. Ich wollte einen Bekannten besuchen und schlich allein eine Straße hinab. Mein Mund war völlig ausgetrocknet, und mir war, als würde ich bei jedem Schritt einknicken, so fertig war ich. Etwas vor mir leuchtete eine Straßenlaterne durch den Nebel. Als ich allmählich näher kam, bemerkte ich eine Gestalt, die am Laternenpfahl lehnte. Obwohl ich zuerst nur etwas Dunkles wahrnahm, ging etwas extrem Unheimliches von ihr aus, und schlagartig war mir klar, daß sie nur auf mich wartete. Spontan wollte ich umdrehen, aber ich konnte nicht, denn die Gestalt zog mich wie magisch an."

"Und wer wartete dort auf dich?" fragte ich neugierig.

"Das war der volle Hammer! Als ich näher kam, sah ich mich selbst an der Laterne lehnen."

"Also eine Halluzination?"

"Damals dachte ich das auch. Zwar sah die Gestalt genauso aus wie ich, war auch ähnlich gekleidet, obwohl alles etwas verschwommen war, aber als ich sie berühren wollte, verschwamm sie im Nebel. Es war zwar nicht die einzige Halluzination an diesem Abend, aber die Begegnung mit dieser Gestalt war etwas ganz Besonderes und viel realer, und mir wurde so flau in der Magengegend, daß ich mich völlig ausgelaugt an den Laternenpfahl lehnen mußte.

Nach einigen Wochen – ich hatte dieses Erlebnis längst abgehakt – wurde ich abrupt wieder damit konfrontiert. Damals wohnte ich mit meiner Freundin zusammen, hatte aber schon eine Zeitlang eine neue, was ich ihr aber bisher verschwiegen hatte. Eines Nachts, ich kam gerade von der Neuen, schloß ich meine Wohnungstür auf und ging ins Schlafzimmer, wo meine Freundin bereits im Bett lag. Ich schaltete das Licht an und sah eine zweite Person neben ihr angezogen auf der Bettdecke liegen. Sie kehrte ihr den Rücken zu.

Fast blieb mir das Herz stehen, allerdings weniger, weil jemand auf dem Bett lag, sondern vielmehr, weil ich sofort bemerkte, daß ich es selbst war, der dort lag. Die Gestalt – die ich war – bewegte sich nicht. Ich erinnere mich aber noch genau an das Gesicht: Die Augen waren offen, schauten allerdings seitwärts an mir vorbei, und der Mund war zu einem höhnischen Grinsen verzogen. Schlagartig wurde mir klar, daß die Gestalt im Bett genau über mich Bescheid wußte und sich auch, ohne mich anzuschauen, an meinem Erschrecken ergötzte. – Alles dauerte höchstens zwei, drei Sekunden, dann rannte ich aus dem Zimmer."

"Und hast du die Gestalt wiedergesehen?"

"An diesem Abend nicht, aber später."

Und er schilderte mir, wie er irgendwen übers Ohr hauen wollte; ich erinnere mich nicht mehr an die Einzelheiten.

"Um meinen Plan nochmals zu überdenken, ging ich spazieren und kam in der Dämmerung auch über den Friedhof. Völlig in Gedanken versunken, ganz mit mir und meinem Coup beschäftigt, ging ich die schmalen Wege zwischen den Gräbern und den alten Bäumen entlang. Und so bemerkte ich überhaupt nicht, daß ich gerade in einen Weg eingebogen war, der an einem großen Grab endete. Erst als ich unmittelbar davor stand, schaute ich hoch und prallte entsetzt zurück. Denn auf dem Grabstein sah ich mich selbst sitzen, aber mein Gesicht glich einem Totenschädel, und mein Körper war in weiße Tücher gehüllt. Ich glaube, daß ich laut geschrien habe; auf jeden Fall rannte ich panikartig davon."

"Und wieso warst du es, der da saß? Wie ein Totenschädel sieht dein Gesicht eigentlich noch nicht aus!"

"Ich kann es nicht beschreiben, aber es war eine absolute innere Gewißheit, daß ich es war, der mich von dem Grabstein herab anstarrte."

Leider habe ich das Frettchen, wie ich ihn früher immer nannte, schon lange aus den Augen verloren. Ich weiß auch nicht, ob er jemals wieder derartige Begegnungen hatte.

 

Der Blick in das eigene Antlitz

Die voranstehenden Schilderungen eröffnen einen Blick in Welten, die den meisten Menschen noch verborgen sind. Zwar handelt es sich um persönlich gefärbte Einzelwahrnehmungen, aber sie lassen erahnen, daß im Unterbewußtsein des Menschen mehr vor sich geht, als man für gewöhnlich meint.

Aus der Literatur, aus Sagen und Märchen kennen wir das Phänomen des Doppelgängers. Entweder sind es Wesen, die uns begegnen oder begleiten, oder es sind drachenhafte Ungeheuer, in denen wir uns selbst wie in einem Spiegel erkennen. Manchmal erscheinen sie auch als Lebensbegleiter, die unsere dunkle Seite verkörpern. Irgendwie hängen alle diese Wesen mit unserem Menschsein zusammen, sie gehören zwar zu uns, aber sind doch eigene Wesen, sie quälen und erschrecken uns, aber sie üben auch eine heilsame Wirkung auf unser Leben aus.

An diese Phänomene knüpfen sich Fragen: Hat der Mensch nun einen Doppelgänger oder gar mehrere? Und wenn er verschiedene hat: Äußern sie sich in gleicher Weise, oder lassen sich differenzierte Äußerungen wahrnehmen? Sind die Doppelgänger Teile unserer unterbewußten Seelenschichten, also Bereiche von uns selbst, oder sind es darüber hinaus eigenständige Wesen, die zeitweise in uns hineinschlüpfen oder die gar beständig in uns wohnen? Wenn etwas aus der Doppelgängerschicht impulsiert wird und über unsere Seele durch eine Tat in die Welt tritt, können wir als Menschen dann dafür zur Verantwortung gezogen werden, oder ist es möglich, die Schuld auf einen Doppelgänger abzuwälzen?

Wenn man sich ein wenig mit dem Gesamtwerk Rudolf Steiners beschäftigt, stößt man auf ganz konkrete Hinweise auf die Existenz eines Doppelgängers. Vergleicht man seine Schilderungen miteinander, so differenziert sich das Doppelgängerbild, und man fragt sich, ob er wirklich immer über denselben Doppelgänger spricht oder – etwas überspitzt formuliert – ob er sich überhaupt jemals über dasselbe Wesen äußert. Denn die Schilderungen des Doppelgängers in bestimmt 30 Schriften und Vortragsbänden weichen oftmals so voneinander ab, daß es sich um viele verschiedene Wesen handeln muß.

Ich habe etwa zwölf verschiedene Doppelgänger im Gesamtwerk Steiners ausgemacht, von denen ich die sieben bzw. acht wichtigsten hier behandeln möchte. Bevor man zu einer Beurteilung des Verhältnisses von Mensch und Doppelgänger kommt, sollte man erst einmal die unterschiedlichen Charaktermerkmale der einzelnen Doppelgängerwesenheiten auf sich wirken lassen. Es handelt sich dabei um solche Wesen, die ständige Begleiter eines Menschen sind, und weiterhin um solche, die nur Begleiter einiger Menschen sind. Wir lernen Wesen kennen, die unaufgefordert kommen und gehen, und solche, die nur in Erscheinung treten, wenn wir uns um sie bemühen. Einige Doppelgänger treten nur auf, wenn wir ihnen dafür den Boden bereiten. Wir blicken dabei in das Antlitz schrecklicher, genauso aber auch guter Wesen. Letztlich aber blicken wir in das Antlitz von uns selbst.

 


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