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FLENSBURGER HEFTE 64                                                                    Zurück

Liebe – Die Sonne der Welt

 

 

Leseproben:

 

1.

Über die menschenkundlichen Grundlagen der Liebe, die verschiedenen Formen und die Substanz der Liebe spricht Wolfgang Weirauch mit Wolfgang Gädeke, Pfarrer der Christengemeinschaft. Lesen Sie folgenden Auszug aus dem Interview "Gesten der Liebe":

 

Mann und Frau lieben anders

Wolfgang Weirauch: Inwiefern lieben Mann und Frau anders?

Wolfgang Gädeke: Da stütze ich mich zum einen auf Rudolf Steiner, zum anderen auf eigene Beobachtungen. Eine Frau liebt einen Mann eigentlich nicht so wie er ist, sondern so, wie sie möchte, daß er sein sollte. Sie liebt immer mit einem gewissen pädagogischen Impetus. Rudolf Steiner bemerkt dazu, daß wir Männer auch nicht unbedingt so sind, daß man uns liebhaben kann. Überspitzt könnte man sagen: Wenn eine Frau ihren Mann nicht mehr erziehen will, liebt sie ihn entweder nicht mehr bzw. hat resigniert oder sie hat eine hohe Stufe der Liebe erreicht. Aber die natürliche Liebe der Frau zum Mann hat immer einen pädagogischen Anstrich. – Der Mann liebt dagegen mit Wunschcharakter, mit einem stärkeren Begehren, und er möchte eigentlich, daß die Frau immer so bleibt wie zu Beginn der Liebesbeziehung. Sie soll immer genauso jung, genauso schön, genauso willig, genauso hingabefähig, mitunter sogar selbstverleugnend sein.

W.W.: Aber das bezieht sich doch nur auf die geschlechtliche und seelische Liebe. Ist die geistige Liebe von Mann und Frau gleich, oder gibt es auch da Unterschiede?

W. Gädeke: Auch die geistige Liebe von Mann und Frau ist unterschiedlich. Das gilt besonders, wenn sich die Liebe auf Gegenstände richtet. Männer haben es z.B. leichter, sich den Gegenständen so zu nähern, daß sie einfach nur untersuchen, wie diese Gegenstände objektiv sind. Frauen haben dagegen eher die Tendenz, in ihrer Zuwendung zur Welt die Gegenstände zu verändern. Es fällt ihnen schwerer, zunächst erst einmal festzustellen, wie etwas ist. Ich denke also, daß die seelische Grundstruktur der Liebe von Mann und Frau auch in andere Bereiche nachwirkt. Das heißt natürlich nicht, daß diese Liebeseinseitigkeiten so bleiben müssen, aber als Grundtendenz sind sie bei Mann und Frau entsprechend vorhanden.

W.W.: Kann man auch ein Ideal bzw. eine Idee lieben?

W. Gädeke: Sicherlich, denn Liebe bedeutet, sich mit etwas zu verbinden. Es könnte z.B. meine Idee sein, alle 8.000er der Welt zu erklimmen. Das ist vielleicht eine tolle Idee, aber mein Ideal ist es nicht. Selbst wenn ich noch die Kräfte dazu hätte, würde ich diese Idee nicht so sehr lieben, daß ich sie zu meinem Ideal machen würde. Ein Ideal ist aber eine geliebte Idee. Indem ich eine Idee liebe, also meine Seelenkräfte mit ihr verbinde, mache ich diese Idee zu meinem Ideal. Das ist auch das, was Rudolf Steiner die Grundlage für eine freie Tat nennt. Man liebt eine Idee so sehr, daß sie zur Maxime des eigenen Handelns wird. Unsere Freiheit liegt darin, daß wir so etwas nicht müssen. Niemand kann mich dazu zwingen, eine Idee zum Ideal zu erheben. Andererseits liegt in der Freiheit die Möglichkeit, daß ich aus eigenem Entschluß eine Idee zum Ideal erhebe.

 

Liebe ist Tat

W.W.: Geistige Wesen kann man meist nicht wahrnehmen; können wir auch geistige Wesen – Verstorbene, Engel, Christus – lieben?

W. Gädeke: Liebe heißt zunächst einmal seelische Zuwendung. Indem ich mich geistigen Wesen zuwende, vollziehe ich ihnen gegenüber eine Geste der Liebe. Wenn ich mich in das Evangelium vertiefe, vertiefe ich mich in die Worte und Taten Jesu Christi, also in die Äußerungen eines geistigen Wesens, in die Wesensäußerungen eines Geistes. Es spielt also keine Rolle, daß wir geistige Wesen meistens nicht wahrnehmen können. – Das Wesen eines Menschen kann ich auch nicht direkt wahrnehmen, denn es ist unsichtbar. Was ich von einem Menschen wahrnehmen kann, sind seine Worte und Taten. Und durch das Wahrnehmen seiner Worte und Taten bekomme ich ein Gefühl und ein Gespür für sein Wesen. Und für das Wesen Christi bekomme ich ebenfalls ein Gespür, wenn ich seine Worte und Taten, die im Evangelium verzeichnet sind, in meine Seele aufnehme. Indem ich mich den Worten und Taten Christi, und damit seinem Wesen zuwende, vollziehe ich eine Grundbewegung der Liebe. Entsprechend mache ich eine Grundbewegung der Liebe, wenn ich einem anderen Menschen aufmerksam zuhöre. Diese Zuwendung ist bereits eine erste Form der Liebe. Wenn ich mich darüber hinaus nicht nur mit einem geistigen Wesen beschäftige, sondern ein Gebet spreche bzw. einen Gottesdienst vollziehe, ist das eine verstärkte Zuwendung, denn ich tue etwas für die geistigen Wesen. Durch den Gottesdienst oder durch ein Gebet vollbringe ich etwas, was diesem geistigen Wesen dient.

W.W.: Woran man erkennen kann, daß Liebe eigentlich eine Tat bzw. eine Willensäußerung ist.

W. Gädeke: Das ist das Entscheidende. Liebe ist letztlich Tat.

W.W.: Dann ist jede Form von Arbeit im Grunde auch ein Liebesdienst.

W. Gädeke: Richtig. Und das unterscheidet Liebe von Verliebtheit. Verliebtheit ist ein Gefühl, das einen überkommt, und man weiß nicht woher und warum. Plötzlich ist es da, bzw. es schleicht sich langsam ein. Aufgrund dieses Gefühls machen die Menschen dann sehr merkwürdige Handlungen. Sie fangen an, Händchen zu halten, sich zu küssen, sich zu umarmen und ähnliche merkwürdige Dinge. Verliebtheit bedeutet, daß aufgrund eines Gefühls Handlungen entstehen. Die eigentliche Liebe, die mehr als Eros ist, also Philia und Agape, ist Tat. Als erstes muß ich mich tätig einem Wesen gegenüber verhalten, und dadurch entsteht dann sekundär ein gutes Gefühl.

Wenn ein Lehrer z.B. einen ihm unsympathischen Schüler hat, dann ist von Natur aus keine Sympathie vorhanden. Er mag ihn nicht, und man kann ihm deswegen keinen Vorwurf machen. Wenn er aber beginnt, sich mit diesem Schüler zu beschäftigen, und für ihn tätig ist, wenn er sich für diesen Schüler etwas ganz Besonderes ausdenkt und dieses für den Schüler tut, dann werden sich auch seine Gefühle für diesen Schüler verändern. Das liegt daran, daß der Lehrer etwas für diesen Menschen tut. Und das ist eine Liebestat. Bei der Verliebtheit entsteht also aus einem natürlichen Gefühl die Tat, und bei der Liebe folgt aus einer kulturellen Tat ein Gefühl.

W.W.: Hat jeder Mensch Liebeskräfte in sich, oder gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht lieben können?

W. Gädeke: Ich denke, daß wohl alle Menschen Liebeskräfte in sich haben, weil sie eine Seele haben, in der Sympathiekräfte vorhanden sind. Allerdings gibt es auch Menschen, bei denen sich diese Sympathiekräfte überhaupt nicht äußern können, z.B. beim Autismus. Bei diesen Menschen sind die Antipathiekräfte, also die sich von der Welt abschließenden Kräfte, so stark, daß ein solcher Mensch keine sich öffnenden Seelengesten machen kann. Ich will damit nicht sagen, daß autistische Menschen keine Liebeskräfte haben, aber sie können nicht aus ihnen heraus. Sie sind in ihnen gefangen. Ein Autist hat natürlich eine große Empfänglichkeit, aber er kann die Grundkraft der Seele, sich zu äußern, die für die Liebe notwendig ist, nicht vollziehen. Denn sich gegenüber der Welt zu äußern ist im Grunde genommen auch eine Liebesgeste. – Aber daß ein Mensch überhaupt keine Liebeskräfte in sich trägt, kann ich mir nicht vorstellen, denn dann würde er wahrscheinlich nicht lebensfähig sein.

 

 

 

2.

Thomas Höfer, Redaktion FH, beschreibt in dem Artikel "Die wahre Liebe" die Verliebtheit und partnerschaftliche Liebe im Wandel der Zeiten:

 

Es gehört heute zu den Alltagserfahrungen innerhalb westlicher Kulturen, daß Menschen sich verlieben und so zueinanderfinden. Mehr noch: Ohne Verliebtheit ist eine Partnerschaft nur in Ausnahmefällen denkbar; kaum gehen zwei Menschen eine langfristige Beziehung ein, ohne daß am Anfang eine Liebesbeziehung gestanden hätte.

Ebenso alltäglich ist es, daß die Liebe, die die Partner zu Beginn einer Partnerschaft füreinander empfunden haben, nicht von Bestand ist. Sie vergeht nach einiger Zeit wieder, löst sich schleichend auf und ist eines Tages einfach nicht wiederzufinden. Viele Paare trennen sich daher bald wieder und machen dabei oftmals schmerzhafte Erfahrungen. Oder sie bleiben zusammen, weil sie inzwischen Lebenstatsachen geschaffen haben, die eine Trennung nicht mehr so einfach erscheinen lassen: die gemeinsame Wohnung samt Hausstand, Kinder, finanzielle Verbindlichkeiten. Was bleibt, ist Ernüchterung, Enttäuschung – oftmals auch Verbitterung – darüber, daß Liebe – oder was man dafür gehalten hat – im Alltag auf Dauer keinen Platz zu haben scheint.

Kaum ein Paar wundert sich z.B. in der Eheberatung darüber, daß all dies so ist, und weiß, daß die große Verliebtheit wohl nicht zurückkommen wird: "Das kann man ja auch nicht erwarten nach 16 Jahren Ehe, nicht wahr? Aber muß deshalb gleich alles zu Ende sein?"

Immer wieder werden die gleichen Fragen gestellt:

Sind die täglichen Streitereien wirklich notwendig, bei denen keiner recht zu sagen weiß, worum es eigentlich geht? Warum ist es schwer, gut miteinander umzugehen, wo es doch zu Beginn, während der Verliebtheit, so einfach war? Ist es nicht möglich, wieder zueinanderzufinden, oder bleibt am Ende wirklich nur der Schlußstrich und ein Neubeginn? Warum ist es so schwer, eine Beziehung auf gegenseitiger Liebe aufzubauen?

Die Gründe für diese Schwierigkeiten liegen in den meisten Fällen nicht im einzelnen Menschen, beruhen nicht auf Vorsatz oder böser Absicht. In einer Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen spielt sich heute viel mehr ab als nur Sexualität und die Begegnung zweier Seelen in ihrer je individuellen Beschaffenheit, die mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen aufeinanderstoßen und sich aneinander reiben. Natürlich geschieht auch das, aber jede einzelne Liebesbeziehung trägt auch die Lasten der Menschheitsentwicklung und insbesondere die Lasten der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten 200 Jahre. Mit anderen Worten: Scheitert eine Liebesbeziehung, so sind die Ursachen dafür nicht nur – und häufig nicht einmal vorrangig – in den persönlichen Unzulänglichkeiten der Menschen zu suchen, sondern auch in den gesellschaftlichen und allgemein menschlichen Umständen.

Vielen Menschen ist dieser Gedanke nicht vertraut, denn er widerspricht ihrem Erleben. Liebesbeziehungen spielen sich nun einmal im stillen Kämmerlein privater Zurückgezogenheit und im Persönlichen und Allzupersönlichen ab. Wenn Menschen hier scheitern, können sie beinahe nicht anders, als die Schuld bei sich selbst oder ihrem Partner zu suchen. Nimmt man die Anatomie einer Liebesbeziehung jedoch unter die Lupe, so sieht man neben den persönlichen Anteilen auch noch Aspekte, die außerhalb der persönlichen Verantwortung des einzelnen liegen und die den Leuten das Leben schwer machen.

 

 

 

3.

Über Liebe, Haß, Egoismus und menschliche Beziehungen spricht Peter Dentler, Psychologe, Professor an der Fachhochschule Kiel im Fachbereich Sozialwesen, in dem Interview “Liebe ist der Entschluß, für jemanden da sein zu wollen”:

 

Liebe ich diesen Menschen noch?

Arfst Wagner: Joseph von Eichendorff schrieb einmal: "Die Liebe ist wie der Mond. Wenn sie nicht zunimmt, nimmt sie ab." Muß man an der Liebe, an der eigenen Liebesfähigkeit arbeiten, oder ist sie etwas Beständiges, das man hat oder eben nicht hat? Kann man etwas dafür, daß man liebt?

Peter Dentler: In der Aussage Eichendorffs kann ich meine eigenen Überlegungen wiederfinden. Entscheidungen müssen immer wieder neu fortgeschrieben werden. Man muß etwas dafür tun. Manchmal versinkt es auch in einem Automatismus. Dann fragt man sich plötzlich: Liebe ich diesen Menschen noch? Und dann ist die Liebe vielleicht vergangen wie der Mond. Aber der Mond kehrt ja auch wieder. Es ist ein sehr schönes Bild. Auch in der Ehe muß im Prinzip immer neu entschieden werden. Das geschieht bei den beiden Partnern vielleicht sogar zu verschiedenen Zeiten, d.h. der eine liebt immer noch heftig, während der andere gerade darüber nachdenkt oder sich vielleicht innerlich bereits verabschiedet hat. Ideal ist, wenn beide durch ihr Tun ihre Entscheidung bekräftigen und erneuern.

 

Egoismus und Narzißmus

A.W.: Ist eine übersteigerte Eigenliebe, ist Narzißmus Liebe? Sind narzißtische Menschen beziehungsfähig?

P. Dentler: Kinder sagen recht früh "ich", sie sagen: "ich will". Das genügt dann erst einmal. Das gibt eine Grundlage an Selbstvertrauen, Urvertrauen in sich selbst, oder ist der Ausdruck eines solchen. Kinder stellen sich häufig massiv selbst dar. Das finden wir Erwachsene zunächst niedlich, bis es dann zu egoistisch wird. Letztlich kann diese Haltung später in Narzißmus übergehen. Für diese übersteigerte Selbstliebe hat Sigmund Freud das Bild des griechischen Jünglings Narziß gewählt, der in sein eigenes Bild verliebt war und der in dem Teich, in dem er sein Bild sah, schließlich ertrank.

Dagegen gibt es einen gesunden Egoismus. Man muß nein sagen können. Das gehört zum Leben dazu. Die Frage ist immer: Wann geht dieser Egoismus in den Narzißmus über? Das wird einmal vom Individuum selbst, aber auch von den Mitmenschen entschieden. Und diese Urteile sind häufig sehr verschieden. Das kann zu erheblichen Problemen führen. Vielleicht denkt man, man habe eine gesunde Selbstliebe. Die anderen finden aber, daß diese schon weit überzogen sei.

Viele Begriffe haben eine positive und eine negative Seite. Es gibt nicht nur den Streß, über den heute alle klagen, sondern es gibt auch eine gesunde Belastung und Herausforderung. Der Übergang ist fließend und individuell verschieden. Ebenso ist es bei der Selbstliebe. Von außen läßt sich das jeweils schwer entscheiden. Auch bei Krankheit ist es so, daß Experten entscheiden, was Krankheit im Sinne einer Norm- und Funktionsabweichung ist. Das Subjekt selbst sieht dies vielleicht ganz anders. Zumindest entscheidet das Subjekt selbst, wie es sich fühlt, ob es sich beeinträchtigt, krank oder gesund fühlt.

Überzogene Selbstliebe in einer Form, die andere schädigt, wird allerdings von der Gemeinschaft sanktioniert. Das muß auch so sein, wenn ein ungehemmter Drang zur Selbstverwirklichung die grundlegenden Gruppenregeln verletzt.

 

Niemand hat das Recht, anderen Freude zu stehlen

A.W.: Oft kann man hören, daß man andere Menschen nur insoweit lieben kann, wie man sich selbst liebt. Das kann man aber auch bezweifeln, wenn man manche Menschen erlebt. Kann man diesen Satz nicht auch umkehren, also sagen, daß man sich selbst nur insoweit lieben kann, wie man fähig ist, auch andere Menschen zu lieben?

P. Dentler: Im Christentum finden wir den Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

A.W.: Ich habe auch schon gehört, daß es heißt: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, also liebe ihn so, als ob er du wäre.

P. Dentler: Das gibt natürlich auch Sinn. Wenn ich sage: Liebe ist die Entscheidung, für jemanden da sein zu wollen – so kann ich auch sagen: Es ist die Entscheidung, für mich da sein zu wollen. Und wenn wir eine solche Selbstliebe mit Lebensfreude verbinden, als Steigerung von Lebensqualität, dann wird das auch der Umgebung zugute kommen. Ein ewig unzufriedener Mensch erzeugt in seiner Umgebung nicht gerade nur Gutes. Man könnte auch als Biologe sagen, daß es um Selbsterhaltung geht, und Selbsterhaltung gibt es auch im emotionalen Bereich. So sollte Selbstliebe positiv wirken. Niemand hat das Recht, anderen Freude zu stehlen. Selbstliebe darf andere nicht abwerten.

 

 

 

4.

Dorthe Ketelhut, Mitarbeiterin der Flensburger Hefte-Redaktion, Diplom-Kunsttherapeutin, die hauptberuflich in einem autonomen Frauenhaus arbeitet, spricht in dem Interview "Ihn lieben und ehren – in guten wie in schlechten Zeiten?" mit einer Frauenhausbewohnerin über eheliche Gewalt:

 

Alltägliche Gewalt

Dorte Ketelhut: Nadja [Name geändert], Du bist 33 Jahre alt und lebst seit einem halben Jahr mit Deinen drei Kindern im Frauenhaus. Was war Anlaß dafür, daß Du hier Zuflucht suchen mußtest?

Nadja B.: Ich habe es zu Hause bei meinem Mann eben nicht mehr ausgehalten.

D.K.: Du bist verheiratet?

Nadja B.: Ja, noch, seit zwei Jahren. Zusammen sind wir seit drei Jahren.

D.K.: Was konntest Du nicht mehr aushalten?

Nadja B.: Ich fühlte mich Tag und Nacht beobachtet. Ständig mußte ich darauf aufpassen, was für eine Laune er hatte, was ich sagte. Ich durfte nie zeigen, wenn es mir schlecht ging, da es dann sofort zum Streit kam. Ich hatte Angst und war total unfrei. Es war Scheiße, wie er die Kinder behandelt hat.

D.K.: Gab es neben dem psychischen Druck, den Dein Mann auf Dich ausübte, körperliche Mißhandlungen?

Nadja B.: Ja, die Kleinigkeiten haben sich meistens gehäuft. Irgendwann gab es den großen Knall, und dann hat er getrunken.

D.K.: Er ist Alkoholiker?

Nadja B.: Ich würde sagen, ja. Ich habe es mal geschafft, daß er acht Wochen gar nicht getrunken hat. Das war noch schlimmer, weil die Angst kam, daß er wieder anfängt. Ich wußte genau, wie das endet: mit Gewalt.

D.K.: Hat sich Eure Beziehung von Anfang an so gestaltet?

Nadja B.: Bevor wir heirateten nicht ganz so extrem. Die Wohnung, in der wir zusammen lebten, gehörte mir, und ich konnte ihn jederzeit vor die Tür setzen. Ich habe nur sagen müssen: "Ich rufe die Polizei!" Das ging nachher während der Ehe nicht mehr, da hatten wir den Mietvertrag gemeinsam unterschrieben. Er wäre nie freiwillig gegangen. Vorher mußte er es, weil er wußte, daß ich mehr Rechte hatte.

 

"Ich konnte den Haß in seinen Augen sehen"

D.K.: War Dein Mann, als Ihr Euch kennenlerntet, anders und veränderte sich erst nach und nach?

Nadja B.: Ich denke, daß er immer so war. Ich habe versucht, ihn zu ändern. Schluß mit dem Alkohol. Sein Umgangston paßte mir auch nicht. Er hat sehr ordinär gesprochen, was ich allerdings erst im Laufe der Zeit festgestellt habe, als er anfing, sich gehenzulassen. Zwischendurch bildete ich mir immer ein, ich hätte es geschafft: "Jetzt hat er sich geändert. Das hat er abgelegt." Das war aber gar nicht so. Ich wünschte es mir und machte mir daher etwas vor, schluckte und verdrängte alles.

D.K.: Deine Gedanken kreisten permanent um ihn, Dich selber hattest Du aufgegeben?

Nadja B.: Ja, total. An mich dachte ich überhaupt nicht mehr, nur noch daran, wie es den Kindern dabei ging und in welcher Verfassung er sich befand. Den ganzen Tag bemühte ich mich darum, daß es nicht zum Streit kam.

D.K.: Der Streit ließ sich trotz Deiner Bemühungen nicht vermeiden, was auch bedeutete, daß es durch ihn zu Handgreiflichkeiten kam.

Nadja B.: Vor allem, wenn er getrunken hatte. Das halbe Jahr vor unserer Trennung war extrem, er wurde immer gewalttätiger, nahm auch keine Rücksicht mehr darauf, ob die Kinder anwesend waren. Ich konnte den Haß in seinen Augen sehen.

D.K.: Wie äußerte sich seine Gewalttätigkeit? Hat er Dich geschlagen?

Nadja B.: Ja, auch geschlagen. Anfänglich schubste er mich, zog mich an den Haaren und schleifte mich durch die Wohnung, wie man es von den Neandertalern kennt. Hauptsächlich schubste er mich, bis ich hinfiel und überall blaue Flecken hatte. Zuletzt versuchte er, mich umzubringen, indem er mich würgte. Ich stand Todesängste aus, zitterte, heulte und bat ihn, mich nicht so umzubringen. Es war mir in dem Moment egal zu sterben, nur nicht auf diese Art und Weise. Ich lag da und konnte mich nicht wehren, kam nicht frei. Er war wie wild, hörte und sah nichts mehr. Es muß furchtbar sein zu ersticken. Ein schlimmer Tod.

D.K.: Kam es zu Krankenhausaufenthalten?

Nadja B.: Nein. Ich hatte hinterher oft starke Schmerzen, aber ich wäre nicht freiwillig ins Krankenhaus oder zum Arzt gegangen. Man gibt sich selbst die Schuld, denkt, daß man es provoziert hat.

 

"Wenn ich morgen noch lebe"

D.K.: Hast Du Erfahrungen mit Polizeieinsätzen gemacht?

Nadja B.: Ziemlich ernüchternde.

D.K.: Kannst Du ein Beispiel nennen? Schildere mal eine Situation.

Nadja B.: An einem Abend kam es mal wieder zu einem handfesten Streit. Er hatte viel getrunken und angefangen, mich zu schlagen. So schrecklich, daß ich versuchte, mir das Leben zu nehmen. Ich schnitt mir die Pulsadern auf, was ihn nicht daran hinderte, mich weiter zu mißhandeln. Der Wille zum Überleben siegte, worauf ich aus dem Fenster flüchtete, zur Polizeiwache lief, den Notruf drückte und sagte, daß ich nicht wüßte, was ich machen soll. Ich mußte warten, bis die diensthabenden Polizisten der Wache kamen. Das hat ganz schön lange gedauert. Sie fragten mich dann, woher das ganze Blut käme. Nachdem ich ihnen meine Situation erklärt hatte, meinten sie, daß sie auch nicht wüßten, wohin mit mir. Ins Krankenhaus wollte ich nicht.

Letztendlich fuhren sie mit mir nach Hause, um mit meinem Mann zu reden und ihn dazu zu bewegen, die Wohnung freiwillig zu verlassen, damit ich mich erstmal erholen könnte. Einer blieb bei mir im Auto, der andere ging ins Haus. Er kam nach kurzer Zeit zurück und teilte mir mit, daß er meinen Mann als vernünftig und einsichtig einschätze. Einen betrunkenen Eindruck würde er nicht machen. Er frage sich, warum ich überhaupt weggelaufen sei und was das ganze Theater überhaupt solle. Er forderte mich auf, hineinzugehen und eine Nacht über alles zu schlafen. Am nächsten Morgen würde alles wieder ganz anders aussehen. Meinem Mann sagte er, daß er sich mal ein bißchen zusammenreißen solle. Dann fragte er noch, ob das ganze Blut von mir sei, riet uns, uns zu versöhnen, und wiederholte, daß morgen alles besser wäre. Ich sagte: "Wenn ich morgen noch lebe. Wenn nicht, dann sorgen Sie bitte dafür, daß meine Kinder untergebracht werden." Was anderes fiel mir nicht ein. Sie fuhren weg.

 


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