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FLENSBURGER HEFTE 62                                                            Zurück

Arbeitslosigkeit

Weg ins Ungewisse

 

 

Leseproben:

 

1.

Patrick M. Liedtke, Wirtschaftsberater für makroökonomische Fragestellungen, assoziiertes Mitglied des Club of Rome, spricht in dem Interview "Arbeit für alle" über die Situation der Beschäftigung in Deutschland und den USA sowie die Ursachen der Arbeitslosigkeit:

 

Die traditionellen Rezepte helfen nicht weiter

Thomas Höfer: Wie würden Sie die Situation der Beschäftigung allgemein beschreiben?

Patrick M. Liedtke: Das Ziel, das wir als Gesellschaft vor Augen haben, ist, daß jeder Mensch die Chance auf ein Beschäftigungsverhältnis bekommt. Tatsächlich aber besteht diese Chance heute nicht für alle Menschen und nicht unter allen Umständen. Das heißt, das Versprechen, daß jeder einen Arbeitsplatz findet, wird nicht eingelöst, und dies ist angesichts der damit verbundenen sozialen Konsequenzen gelinde gesagt eine unbefriedigende Situation.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt die Zahl der Erwerbslosen in ihren Mitgliedsstaaten auf insgesamt etwa 35 Millionen oder 8,5 %. Damit hat die Arbeitslosigkeit einen Stand erreicht, den man nicht einfach ignorieren kann, wenn man bedenkt, daß nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die frühen 70er Jahre hinein weniger als 10 Millionen Menschen in den OECD-Staaten von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Von 1972 bis 1982 verdreifachte sich dann die Zahl der Arbeitslosen sprunghaft, wobei seitdem selbst konjunkturelle Aufwärtsbewegungen kaum Besserung brachten. Die Arbeitslosigkeit entwickelt sich also zunehmend unabhängig von der allgemeinen Dynamik der Volkswirtschaft, und der Trend zu mehr Arbeitslosigkeit scheint nach wie vor ungebrochen.

Diese Zahlen mögen abstrakt sein, aber sie spiegeln die Unfähigkeit des Wirtschaftssystems und der daran anknüpfenden sozialen Sicherungssysteme wider, dem Problem der Arbeitslosigkeit wirkungsvoll zu begegnen. Außerdem versteckt sich dahinter die konkrete tägliche Not vieler Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht durch Arbeit bestreiten können, was auf Dauer zu einer Zerreißprobe für den sozialen Frieden werden wird, und zwar nicht nur, weil sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnen wird, sondern auch, weil die Menschen das Vertrauen in das Wirtschaftssystem und die demokratischen Institutionen verlieren könnten.

Wenn wir weiterhin an dem Ziel der Vollbeschäftigung festhalten, dann müssen wir dafür sorgen, daß die Mittel, Wege und Maßnahmen, die wir einsetzen und beschreiten, auch tatsächlich geeignet sind, um dieses Ziel zu erreichen und allen Menschen ein Maß an Wohlstand zu ermöglichen, das menschenwürdig ist und den sozialen Frieden auf Dauer sichert. Aber so, wie wir unsere Arbeitsmärkte heute organisieren, sind wir hiervon ein gutes Stück Weg entfernt. Wenn wir mit den arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Rezepten traditioneller Prägung weitermachen wie bisher, wird mit jedem Konjunkturzyklus die strukturelle Arbeitslosigkeit zunehmen. In Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs wird die Arbeitslosenquote zwar sinken, aber sie wird über der Quote liegen, die beim letzten Aufschwung zu verzeichnen war. Dies war in der Vergangenheit so, und es gibt keine Anzeichen dafür, daß sich hieran in Zukunft etwas ändern wird.

Wenn man sich die aktuellen Wirtschaftsprognosen ansieht, stellt man fest, daß die Wachstumserwartungen für das kommende Jahr (1999) bereits wieder leicht nach unten korrigiert werden. Es scheint, als wären wir dabei, den Höhepunkt des aktuellen Konjunkturhochs bereits zu überschreiten. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland von ca. 4,8 Millionen auf derzeit ca. 4,1 Millionen ist aber alles andere als zufriedenstellend und gibt keinerlei Anlaß zur Entwarnung. Selbst wenn es zu einem weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit kommen sollte, so wird dieser doch deutlich unbefriedigend ausfallen und nicht darüber hinwegtäuschen können, daß die Arbeitslosigkeit insgesamt immer weiter zunehmen wird.

 

Arbeitslosigkeit in Europa, den USA und den Entwicklungsländern

T.H.: In Deutschland liegt die Zahl der Arbeitslosen bei derzeit ca. 4,1 Millionen oder knapp 11 %. Wieso führt diese doch recht hohe Zahl von Arbeitslosen nicht zu sozialen Unruhen?

P.M. Liedtke: Das liegt im wesentlichen daran, daß die Arbeitslosigkeit in Deutschland durch die sozialen Sicherungssysteme wie Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe aufgefangen wird. Dadurch wird die Arbeitslosigkeit zwar nicht bekämpft, aber diese Maßnahmen federn die sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit ab und erhalten den sozialen Frieden. Außerdem ist die Arbeitslosenquote im Augenblick leicht sinkend, und auch das beruhigt die Gemüter. Aber es ist nicht damit zu rechnen, daß diese Entwicklung lange anhält oder zu einer dauerhaften Besserung führt.

T.H.: Wie ist die Situation in den USA?

P.M. Liedtke: In den USA ist man dem Problem der Arbeitslosigkeit vor allem dadurch begegnet, daß man die Löhne nach unten flexibilisiert hat. Man ging dort von der neoliberalistischen These aus, daß ein Markt dann geräumt wird, wenn man das Angebot soweit preisreduziert, daß sich ausreichend Nachfrage findet. Mit anderen Worten: Man hat in den USA den Produktionsfaktor Arbeit schlicht billiger gemacht. Tatsächlich ist es auf diese Weise gelungen, möglichst viele Menschen in die Arbeitsmärkte zu integrieren und die Arbeitslosenquote deutlich zu senken: Sie liegt in den USA derzeit um 5 %. Die Kehrseite der Medaille ist, daß eine neue soziale Schicht entstanden ist, die sogenannten "Working poor", die arbeitenden Armen. Das sind Menschen, die zwar Arbeit haben, aber ihren Lebensunterhalt aus den Mitteln, die sie durch ihre Arbeit erwirtschaften, kaum noch bestreiten können.

In den USA hat sich als Folge dieser Entwicklung die Schere zwischen armer und reicher Bevölkerung immer weiter geöffnet: In den vergangenen 15 Jahren hat das oberste Fünftel der Einkommensbezieher real 30 % Einkommenszuwachs erzielt, während gleichzeitig das unterste Fünftel der Einkommensbezieher reale Einkommensverluste von über 20 % hat hinnehmen müssen. Die Gesellschaft der USA hat somit Zentrifugalkräfte gebildet, die drohen, diese Gesellschaft zu zerreißen, weil die Besserverdienenden sich immer mehr vom Kuchen sichern und diejenigen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben, immer weniger abbekommen.

 

 

 

2.

Über die Lohnnebenkosten sowie die Lohnstückkosten Deutschlands im europäischen Vergleich spricht Hans-Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), in dem Interview "Die Ansprüche des Staates zurückschrauben":

 

Die Produktivität spielt eine entscheidende Rolle

Wolfgang Weirauch: Gibt es einen Bezug zwischen der Höhe der Lohnnebenkosten und der Verlagerung von Arbeitsplätzen an Niedriglohnstandorte in und außerhalb der EU?

Hans-Peter Stihl: Ich glaube nicht, daß man diese Beziehung nur an den Lohnzusatzkosten festmachen kann. Denn wir sind nicht nur bei den Lohnzusatzkosten in einer einsamen Spitzenposition, sondern auch bei den direkten Lohnkosten. Das Ganze wird noch durch eine relativ hohe Abgabenlast ergänzt, so daß beim Arbeitnehmer relativ wenig ankommt, obwohl das Unternehmen durch Lohnzusatzkosten insgesamt hohe Aufwendungen hat. Für die unternehmerische Entscheidung über eine Produktionsverlagerung ins Ausland spielt auch die Besteuerung noch eine relativ große Rolle, denn es ist ein Unterschied, ob sie in ihrem Unternehmen von ihren Erträgen knapp 60 % oder vielleicht nur 35 % abliefern müssen.

W.W.: Man vergleicht immer die Höhe der Stundenlöhne, bei denen Deutschland natürlich an der Spitze liegt. Deuten nicht aber die hohen Löhne auch auf die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft hin, und müßte man nicht statt dessen bei internationalen Vergleichen die Lohnstückkostenentwicklung betrachten?

H.P. Stihl: Da haben Sie völlig recht. Natürlich muß man die Lohnstückkosten vergleichen, denn die Produktivität spielt eine entscheidende Rolle. Wenn man hohe Lohnkosten hat, auf der anderen Seite aber eine hohe Produktivität, dann kommt man bei den Lohnstückkosten noch einigermaßen günstig über die Runden. Das ist im übrigen auch der Grund, weshalb wir in Deutschland überhaupt noch exportfähig sind. Also wir haben hohe Produktivität und hohe Kosten, aber auch eine qualifizierte Mitarbeiterschaft, die in der Lage ist, trotz dieser hohen Kosten durch hohe Produktivität konkurrenzfähige Preise zu erzielen. Allerdings wird die zunehmend auch ins Ausland transferiert, wo man dann eine hohe Produktivität mit niedrigen Lohnkosten kombinieren kann.

Wir haben hier in unserem Unternehmen, der Stihl-Firmengruppe, durch unsere ausländischen Fertigungsstandorte einen direkten Vergleich. Wir produzieren z.B. am Standort USA genau das gleiche Produkt wie am Standort Deutschland. Und wir können feststellen, daß die Produktivität der Amerikaner am Montageband – das genau dem von Deutschland entspricht – genauso hoch wie die Produktivität der Mitarbeiter in Deutschland ist. Da aber die Produktivität in den USA genauso hoch wie bei uns in Deutschland ist, spielen die Lohnkostenunterschiede eine entscheidende Rolle, und ich kann ausrechnen, um wieviel preiswerter ich ein Produkt in den USA herstellen kann als in Deutschland.

 

 

 

3.

Karl Georg Zinn, Professor für Volkswirtschaftslehre, erläutert in dem Interview "Vollbeschäftigung ist möglich" die Unterschiede der konjunkturellen und strukturellen Arbeitslosigkeit sowie einen Lösungsansatz von Keynes zur Bekämpfung der strukturellen Arbeitslosigkeit. Lesen Sie daraus den folgenden Auszug:

 

Konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit

Wolfgang Weirauch: Was ist konjunkturelle Arbeitslosigkeit, und wie wird aus ihr strukturelle?

Karl Georg Zinn: Die Abgrenzung ist gar nicht einmal so einfach, wie das oft in Kurzformeln anklingt. Der Konjunkturzyklus, also die regelmäßige Auf- und Abwärtsbewegung, bringt es mit sich, daß sich hin und wieder die Beschäftigungssituation anspannt, also daß eine Übernachfrage nach Arbeitskräften eintreten kann, und daß im konjunkturellen Niedergang wieder Entlassungen erfolgen. Wenn sich eine solche zyklische Bewegung auf einem insgesamt steilen Wachstumstrend vollzieht, baut sich die konjunkturelle Arbeitslosigkeit während des jeweils folgenden Aufschwungs wieder ab. Wenn der Wachstumstrend flacher verläuft, wird die konjunkturelle Arbeitslosigkeit nicht voll abgebaut, und wir bekommen einen Übergang zu längerfristiger Arbeitslosigkeit aus der Konjunkturbewegung heraus. Längerfristige Arbeitslosigkeit führt in der Regel dazu, daß die Arbeitskräfte in vielfacher Hinsicht an Qualifikationen verlieren und schwerer eingliederbar sind, so daß sie den Charakter struktureller Arbeitslosigkeit annimmt.

Ein zweiter Mechanismus, der zu struktureller Arbeitslosigkeit führt, ist der sogenannte Strukturwandel, vor allem wenn dieser Strukturwandel zu langsam vonstatten geht. Beispielsweise wurden in der Vergangenheit Arbeitskräfte in der Landwirtschaft überflüssig, und die Arbeitskräfte mußten sich neue Jobs in der Industrie oder im Dienstleistungsbereich suchen. Solange beide Bereiche hohes Wachstum aufwiesen, war es kein Problem, daß dieser strukturelle Übergang von der Landwirtschaft in andere Sektoren innerhalb relativ kurzer Zeit vollzogen werden konnte. Als die Schrumpfung der Kohleproduktion Anfang der 60er Jahre begann, fanden die Kumpel aus dem Bereich der Ruhrkohle relativ schnell neue Jobs, denn damals herrschte noch Beschäftigungswachstum. Aber wenn es keine wachsenden Sektoren mehr gibt, sind die aus strukturellen Gründen entlassenen Arbeitskräfte nur langsam oder überhaupt nicht mehr in neue Arbeitsplätze zu bringen. Weil es zu wenige neue Arbeitsplätze gibt, entsteht strukturelle Arbeitslosigkeit.

W.W.: Welche Erklärungen gibt es für die Behebung der strukturellen Arbeitslosigkeit?

K.G. Zinn: Auch hier gibt es eine angebots- und eine nachfrageseitige Erklärung. Die angebotsseitige Erklärung besagt, daß man neue Industrien durch Innovationen, Investitionen und wettbewerbsfördernde Maßnahmen schaffen müsse. Die andere Seite behauptet, daß dies auf einem hohen Sättigungsniveau nicht gelingen werde, da sich das Innovationspotential im großen und ganzen sehr abgeschwächt habe und nicht mehr zu einem Nachfragewachstum führe, der Vollbeschäftigung gewährleistet. Dieser Streit wird sich auch in Zukunft fortsetzen, weil es in der politischen Ökonomie keineswegs nur um die Wahrheit geht, sondern um Ideologie als interessierte Meinungsmache.

 

Geringere Produktivitätsraten in den USA als in Europa

Eines kann man allerdings feststellen: Die Rezepte, die die Angebotspolitiker in den letzten zwei Jahrzehnten ausprobiert haben, haben nicht dazu geführt, den Weg zur Vollbeschäftigung zurückzufinden. Und Länder wie die USA, die scheinbar günstigere Beschäftigungsentwicklungen als die meisten Länder Europas aufweisen, haben das mit erheblichen Nachteilen bezahlt: Ein großer Teil der neugeschaffenen Arbeitsplätze sind vorindustrielle, feudalistisch gefärbte Billiglohnarbeitsplätze, und die USA haben nur etwa die Hälfte des Produktivitätswachstums der Länder Europas.

Dieser zweite Punkt fällt aus der Diskussion weitgehend heraus. Das bedeutet, daß das Bruttosozialprodukt der USA mit einem viel geringeren Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens verbunden ist. Das Durchschnittseinkommen ist in Europa wegen der hohen Produktivität in den letzten zehn bis 20 Jahren weitaus stärker gestiegen als in den USA. Das ist insofern erstaunlich, weil die USA immer als das Land des technischen Fortschritts par excellence gelten. Wenn das aber der Fall wäre, hätten die USA viel höhere Produktivitätsraten und damit auch ein höheres Pro-Kopf-Einkommenswachstum erreichen müssen.

W.W.: Kann in Phasen struktureller Arbeitslosigkeit auch neue konjunkturelle Arbeitslosigkeit entstehen?

K.G. Zinn: Ja, denn die Konjunktur bewegt sich in ihrem zyklischen Auf und Ab sowohl auf steilem Wachstumspfad als auch auf flachem Wachstumspfad. Und auf einem flachen Wachstumspfad entsteht eben schneller und in größerem Umfang strukturelle Arbeitslosigkeit. Und zu dieser strukturellen Arbeitslosigkeit kann dann langfristige, nicht rechtzeitig bekämpfte konjunkturelle Arbeitslosigkeit hinzukommen.

 

Keynessche Beschäftigungspolitik

W.W.: Bietet sich die Keynessche Beschäftigungspolitik auch an, um die strukturelle Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, oder geht dies nur bei der konjunkturellen?

K.G. Zinn: Normalerweise versteht man Keynes als kurzfristigen Konjunkturpolitiker, und mit diesem Verständnis kann man die strukturelle Arbeitslosigkeit nicht bekämpfen. Allerdings betrifft dieses Verständnis von Keynes höchstens 40 % seines Gesamtwerks. Es ist hochinteressant, daß die theoretischen Teile seines Werks, die für die Gegenwart viel wichtiger sind, weitgehend ignoriert werden.

W.W.: Woran denken Sie dabei?

K.G. Zinn: Keynes hat im Frühjahr 1943 – mitten im Zweiten Weltkrieg – im Auftrag der britischen Regierung eine Langfristprognose für die Nachkriegszeit entwickelt, in der er seine Einschätzung von der Beschäftigungsentwicklung in der Nachkriegszeit abgibt. 1943 beschrieb er drei Phasen, die von der realgeschichtlichen Entwicklung voll bestätigt worden sind. Die erste Phase war der Wiederaufbau, die Umstellung von der Kriegs- zur Nachkriegswirtschaft, verbunden mit einer gewissen Übernachfrage, inflationären Anspannungen, aber auch einem starken Abbau der Arbeitslosigkeit.

Die zweite Phase beschrieb er als die Vollbeschäftigungsphase, während der auf Vollbeschäftigungsniveau ungefähr Angebot und Nachfrage einander entsprechen würden und in der mit geringen staatlichen Interventionen kleinere konjunkturelle Schwankungen ausgeglichen werden könnten. Das entspricht am ehesten den konservativen Vorstellungen von einer selbstgesteuerten Marktwirtschaft.

Die dritte Phase ist für uns heute relevant. Keynes sagte vorher, daß die entstehenden Sättigungseffekte und die starke Neigung zum Sparen die Konsumentwicklung so stark verlangsamen würden, daß daraufhin auch die Erweiterungsinvestitionstätigkeit stark reduziert werden müßte. Diese Situation führe in eine Stagnation. Stagnation bedeutet nicht Nullwachstum, aber deutlich verringertes Wachstum. Damit müsse man produktiv und wohlstandswirksam umgehen, indem man z.B. den noch ungedeckten öffentlichen Bedarf durch öffentliche Investitionen befriedige. Zweitens sollte man den noch vorhandenen Bedarf bei den ärmeren Schichten decken; das ist eine umverteilungspolitische Maßnahme. Aber alles zusammen werde nicht reichen, um wieder Vollbeschäftigung zu erlangen. Deswegen führe kein Weg daran vorbei, die Arbeitszeit zu verkürzen.

Natürlich kann man über eine solche Prognose aus dem Jahr 1943 streiten und behaupten, Keynes hätte es sich zu einfach gemacht. Der Witz ist aber, daß darüber überhaupt nicht gestritten wird, denn diese Prognose wird vollkommen ignoriert. Diese Prognose ist de facto in der wissenschaftlichen Diskussion nicht präsent. Und das kann ja wohl nicht an der Dummheit der Menschen liegen, sondern es hat ideologische Gründe. Hier wird etwas verdrängt, was ungeheure Brisanz hat.

 


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