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FLENSBURGER HEFTE 59                                                        Zurück

Umgang mit dem Sterben

 

 

Leseproben:

 

1.

In dem Interview "Der Tod als Höhepunkt des Lebens" berichtet Prof. Dr. med. Volker Fintelmann aus seiner reichen Lebenserfahrung über den alternden Menschen, die verschiedenen Alterskrankheiten und ihre Ursachen sowie über den sterbenden Menschen, den Augenblick des Todes und die Beziehung zu den Verstorbenen. Lesen Sie daraus den folgenden Auszug:

 

Keine zweite Krankheit teilt einem so unerbittlich mit, daß man sterblich ist

Wolfgang Weirauch: Die zweithäufigste Todesursache ist heute der Krebs. Was ist der Hintergrund dieser Krankheit?

Volker Fintelmann: Krebs ist die zweite große Todesursache der Menschen. Etwa die Hälfte der Menschen stirbt durch Herz- und Gefäßkrankheiten, ein weiteres Drittel stirbt an Krebs, so daß etwas 85 % aller Todesursachen aus zwei Krankheiten resultieren. Es bleibt also nur noch ein relativ kleiner Rest, an dem der Mensch auch sonst noch sterben kann. Tendenziell war der Krebs eine Alterskrankheit, auch wenn er heute in dramatischer Weise bis in die frühe Jugend des Menschen hineinwirken kann. Der Krebs ist diejenige Krankheit, der dem alten Menschen am allerdeutlichsten mitteilt: Mensch, bedenke, daß du sterblich bist!

Das war für mich die primäre Entdeckung an dieser Krankheit, denn eigentlich war es mir nie so ganz klar, warum die Menschen ganz besonders vor dieser Krankheit eine so furchtbare Angst haben. Fast jeder, dem die Diagnose Krebs gestellt wird, fragt als erstes: "Herr Doktor, wie lange habe ich noch zu leben?" Es gibt keine zweite Krankheit, die dem Menschen so unerbittlich mitteilt, daß er sterblich ist.

Krebs ist insofern eine Zeitkrankheit, da der leibliche Tod heute weitgehend ignoriert wird. Wer aber völlig vergißt, daß er eines Tages sterben wird, ist ein Materialist. In einem spirituellen Menschen lebt mit Selbstverständlichkeit das Bewußtsein, daß man eines Tages sterben muß. Ein spiritueller Mensch weiß auch, daß man ständig stirbt, allein schon dadurch, daß man Bewußtsein entwickelt. Denn das ist nur auf Kosten von Sterbevorgängen möglich. Deswegen paßt der Spruch von Angelus Silesius für die heutige Zeit so gut: "Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt."

An dieser Stelle sollte man auch anfügen, daß Steiner in seiner Geistesforschung beobachtet hat, daß immer mehr Menschen nach dem Tod nicht wirklich begreifen, daß sie gestorben sind. Das liegt daran, daß sie während des Lebens nicht geübt haben zu wissen, was es heißt, sterben zu müssen. Diese Seelen verharren in schrecklicher Weise im Umkreis der Erde und der noch lebenden Menschen. Es gibt sogar Beobachtungen der Psychologie aus den USA, daß es Besetzungen lebender Menschen durch verstorbene Seelen gibt. Diese leben nach dem Tod in einer vollkommenen Desorientierung ohne Leib und suchen deshalb als Ziel- und Stützpunkt einen neuen Leib.

Das klingt zwar dramatisch, aber es ist notwendig, daß die heutigen Menschen diese Zusammenhänge verstehen, denn diese Ignoranz des Todes und der nachtodlichen Zeit ist eines der Schlüsselprobleme der Gegenwart. Und das hängt ganz stark mit dem Krebs zusammen, denn wenn wir dieser Krankheit begegnen wollen, so geht das nur dann, wenn wir während des Lebens das Sterben üben. Das bedeutet, daß man wieder zu beten lernt oder im modernen Sinne meditiert. Denn zu einem Ich-Bewußtsein zu kommen, zu einem Bewußtsein des Geistigen in mir selbst und dann auch in der Welt, setzt immer einen Sterbeprozeß voraus. Dafür gibt es ein wunderbares äußeres Bild, und zwar den Schmerz des Denkers, wie ihn beispielsweise Rodin in seiner Plastik "Der Denker" abgebildet hat. Wenn man diese Plastik anschaut, so ist dieses Gesicht ein einziger tiefer Schmerz. Wer wirklich denkt, kommt nicht ohne dieses Schmerzerlebnis weiter. Vielleicht ist das auch der Bereich gewesen, den man in der Mystik früher den mystischen Tod genannt hat. Man muß wirklich in einem Teil seines Wesens sterben, um etwas Höheres erkennen zu können. Das lernt man vor allem durch die Meditation.

 

Der Schlüssel zur Krebskrankheit ist die Religion

W.W.: Kann man von einem bestimmten Krebstypus sprechen, oder ist Krebs eine Krankheit, die wir als Zeitenschicksal tragen?

V. Fintelmann: Das Wesen dieser Krankheit kann in verschiedenen Typen auftreten. Der eine Typus ist der sich ganz in der Diesseitigkeit verlierende Mensch. Dieser ganz im Materiellen lebende Mensch ist sicherlich ein Krebstypus. Er ist im Grunde ein Atheist, ein Gottesleugner, was er nur sein kann, weil er – so drückt es Steiner aus – im Grunde krank ist. Interessanterweise bekommen solche Menschen keineswegs immer eine sichtbar werdende Geschwulstbildung, sie bleiben im okkulten Stadium der Krebskrankheit stecken. Denn die leibverstärkende Geschwulstbildung ist schon ein begonnener Heilungsversuch.

Es gibt einen zweiten Typus, den Sie eben angesprochen haben, der das Weltenschicksal mitleidet. Die Menschheit hat zwar als Ganze die Schwelle zur geistigen Welt überschritten, sie ist an dem Punkt, wo sie wieder reale Geistigkeit erfahren kann, aber sie verschläft es. Dieses damit verbundene Leid läßt solche Menschen krebskrank werden. Das ist dann weniger eine persönliche Krankheit als vielmehr eine Menschheitskrankheit.

Dann gibt es noch einen dritten ganz wichtigen Typus, der bewußt, in einem höheren Sinn, diese Krankheit ergreift. Das ist für ihn ein Schulungsweg, denn an keiner Stelle kann man dem Materialismus unserer Zeit und dem dahinter stehenden Geist, der diesen Materialismus lehrt, so hautnah begegnen, wie bei dieser Krankheit. – Schließlich gibt es noch einen weiteren Krebstypus, nämlich das krebskranke Kind, von dem ich noch nicht sagen kann, ob ich dafür schon alle Hintergründe erschlossen habe, weil mir bisher nicht so viele Beobachtungen wie bei Erwachsenen zur Verfügung gestanden haben. Aber ein ganz wichtiger Anteil ihrer Krankheit ist mit Sicherheit, daß diese Kinder an ihrer Umgebung krebskrank werden, daß sie bis ins Organische hinein die Krebskrankheit ihrer Umgebung nachahmen und hereinbilden. Das ist ein völlig unpersönlicher Krebs. Er hat mit diesem Kind nichts zu tun und ist ein entsetzliches Abbild der Umgebung dieses Kindes. Ein krebskrankes Kind erfordert also als Behandlung die Behandlung seiner Umgebung.

Die Krebskrankheit kann also in vier Typen auftreten, und ich bin sicher, daß es noch weitere Typen gibt. Der Hintergrund aber ist immer der gleiche, nämlich die Frage, die ich in meiner "Krebssprechstunde" (Stuttgart 1994) in bezug auf den Krebs auch die Gretchenfrage genannt habe: "Sag, Heinrich, wie hältst Du's mit der Religion?" Diese Stelle im "Faust" sollte man lesen, um zu sehen, welche herrlichen theoretischen Ausflüchte Faust vorbringt und wie das Mädchen aus ihrer gesunden Naivität heraus antwortet: "So ähnlich spricht's der Herr Pfarrer auch." Der Schlüssel zu dieser Krankheit ist die Religiosität des modernen Menschen. Damit meine ich nicht, ob ein Mensch in die Kirche geht oder nicht, sondern ob ihm das Geistige in ihm selbst, im anderen Menschen oder in der Welt begegnet.

Insofern ist Krebstherapie vom Grundsatz her auch immer die Frage an den Menschen, ob er bereit ist, der Spiritualität der Welt ernsthaft zu begegnen. Alles weitere ist nur zusätzliche Hilfe, vor allem auch die Misteltherapie, die heute oftmals in ihrer angeblich immunologischen Wirkung falsch verstanden wird. Denn sie ist vor allem ein Zuchtmeister des menschlichen Ich, die Spiritualität der Welt zu entdecken oder nicht. Daran entscheidet sich das Schicksal einer solchen Krankheit.

Es gibt natürlich auch den wirklichen Alterskrebs, der weitgehend harmlos ist. Trotzdem hat jeder Krebs die Bedeutung, daß man irgendwo in der Frage der Spiritualität ein Defizit hat. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, daß Krebs heutzutage eine so immens häufige Krankheit ist.

 

 

 

2.

Wolfgang Gädeke, Priester der Christengemeinschaft, schildert in dem Interview "Sterben ist Übergang", welche Rolle der Tod in unserem Bewußtsein spielen kann und spricht ferner über die Sterbebegleitung und die Bedeutung der Sterbesakramente. Lesen Sie folgenden Auszug:

 

Der Tod macht das Leben kostbar

Klaus-Dieter Neumann: Welche Bedeutung sollte der eigene Tod im Bewußtsein eines Menschen und für seine Lebensführung haben?

Wolfgang Gädeke: Eine wesentliche Bedeutung ist ganz sicher, daß der Mensch sich der Besonderheit, Großartigkeit und zunächst auch Einmaligkeit seiner irdischen Lebensexistenz bewußt wird. Denn der Tod macht deutlich, daß nicht einfach immer alles so weitergeht, wie es jetzt ist, sondern einmal ein Ende hat. Und das führt dazu, daß das Leben kostbar wird. Man kann also sagen: Der Tod macht das Leben kostbar.

Das wird besonders deutlich bei Menschen, denen klar geworden ist, daß sie nur noch eine kurze Zeit zu leben haben. In den letzten 15 Jahren haben wir das z.B. durch die Aids-Kranken erfahren, die das oft eindrucksvoll beschreiben. Wenn ein Mensch nicht nur allgemein um seinen Tod weiß, wie wir alle wissen, daß wir sicher einmal sterben werden, sondern konkret vor Augen hat, daß ihm nur noch einige Monate oder Wochen bleiben, dann wird jeder Sonnenaufgang, jeder Frühling, jede blühende Pflanze, die er noch erlebt, ungemein kostbar. Der sichere bevorstehende Verlust des Lebens durch den Tod macht gerade die Kostbarkeit und Einzigartigkeit des Lebens deutlich. Das ist ein wesentlicher Gesichtspunkt dessen, was der Tod im Bewußtsein des Menschen bewirken kann und sollte.

K.-D.N.: Die Vorstellung, daß mit dem Tod die eigene Existenz endgültig vernichtet ist, ist in unserer Gesellschaft immer weiter verbreitet. Für mein Verständnis resultiert daraus auch eine Beliebigkeit des Lebens und aller Werte. Fehlt dann dem seelisch-geistigen Leben nicht völlig der Grund?

W. Gädeke: Das sehe ich auch so. Für den Protestanten, der zwar nicht an Reinkarnation, aber an Gott glaubt, ist das kein Problem, auch für den Katholiken nicht, weil sie sich sagen, daß sie ihr Leben vor Gott zu verantworten haben, und zwar nicht nur nach dem Tod, sondern auch schon jetzt. Insofern entsteht keine Beliebigkeit, wenn es eine religiöse, eine Gottesvorstellung gibt. "Das Leben ist mir von Gott geschenkt, ich bin ihm dafür verantwortlich." Das ist eigentlich Konsens im evangelischen und katholischen Glauben. Wenn man aber keine solche religiöse Vorstellung mehr hat und keine geistige Perspektive sieht, in gar keiner Richtung, dann unterstreicht der Tod eher die Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit der menschlichen Existenz.

K.-D.N.: Mir erscheint es immer als eine merkwürdige Inkonsequenz, wenn der Geist des Menschen und seine wie auch immer geartete Fortexistenz nach dem Tod verleugnet und dabei nicht gesehen wird, daß einer wirklichen, im Individuum gegründeten Moral und Ethik damit jeglicher Ansatzpunkt verlorengeht.

W. Gädeke: Hier berührt man Bereiche, die ziemlich irrational sind. Wenn eine existentialistische Auffassung vom menschlichen Leben dahin geht, gerade in dem Dennoch, in dem Aufbäumen gegen die Sinnlosigkeit und in dem Ringen mit der Vergeblichkeit die Würde des Menschen und den Sinn des Lebens zu sehen, dann sind das auch für mein Empfinden unlogische bzw. irreale Gedanken. Aber der existentialistische Humanismus eines Satres und anderer hat auch etwas Großartiges, das nicht umsonst viele Menschen begeistert.

Der Tod ist dann aber auch in bezug auf die Moral des Menschen der Gleichmacher, als den man ihn immer gesehen hat: Der Tod macht alle Menschen gleich. In den Totentanzdarstellungen des Mittelalters wurde dargestellt, daß Papst, König, Bürger, Bauersfrau, Bettelmann usw. alle gleichermaßen dem Tod verfallen sein werden, der Tod macht sie alle gleich. Wenn man an nichts Göttliches glaubt, wenn man nichts Geistiges denken kann, gilt dasselbe auch für moralische oder unmoralische Menschen: Alle sind gleich. Wir müssen alle sterben, wir werden alle zu Staub und Asche.

 

Das Leben unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit

K.-D.N.: Was stellen Sie sich darunter vor, das eigene Leben von der Warte des Todes aus zu betrachten, und wie kann man das üben?

W. Gädeke: Wenn man den Tod näher im Bewußtsein und vor Augen hat, dann nutzt man die Lebenschancen vielleicht besser aus, als wenn man sich sagt, daß man noch viel Zeit und viele weitere Chancen habe. Auch die Reinkarnationsidee kann man dahingehend mißverstehen, daß sie einen verleitet, dem Tod und damit auch dem Leben mit einer gewissen Nonchalance zu begegnen, weil man noch so viele andere Chancen in weiteren Erdenleben bekomme. Man sieht dann die eigenen Sünden, Schwächen und Versäumnisse mit einer unangemessenen Unbekümmertheit. Das stößt viele Theologen – protestantische und katholische – an der Reinkarnationsidee ab, weil sie der Ansicht sind, daß dadurch der Ernst des Lebens verlorengehe. Das ist ein Grund, weswegen viele ernstzunehmende Leute mit der Reinkarnationsidee nichts anfangen können und sie nicht denken wollen. Sie sind der Überzeugung, daß dann das Besondere und Einmalige dieses Lebens und der Ernst gegenüber unserer Aufgabe verlorengehe.

Umgekehrt kann man also sagen: Wenn man den Tod ins Leben einbezieht, ihn deutlicher im Bewußtsein hat, dann kann er zur Vertiefung, zum größeren Ernst gegenüber dem Leben führen. Er kann das Verantwortungsgefühl für unser Tun und Lassen, für den Umgang mit unserer Lebenszeit stärken.

K.-D.N.: Kann es auch sinnvoll sein, von Zeit zu Zeit zu üben, einen Zukunftstandpunkt einzunehmen und vom Tod, vom Lebensende her auf das eigene Leben zu blicken? Ich denke, daß einem dadurch eher klar werden kann, was einen bleibenden Wert hat und was wirklich wichtig ist im Leben.

W. Gädeke: Sicher kann das sinnvoll sein. Auch jede Rückschauübung erfüllt einen ähnlichen Zweck, indem man z.B. vor dem Einschlafen auf den vergangenen Tag zurückblickt, oder auch bei anderer Gelegenheit auf das bisherige Leben, und einem dann auch mehr und mehr aufgeht, was wirklich wichtig und wesentlich war. Das ist etwas ganz ähnliches. Man hebt sich ein Stück aus der Gebundenheit an das irdische zentrierte Bewußtsein heraus und blickt aus einer anderen Perspektive, sieht sich selbst von außen und kommt eher zu einer objektiven Betrachtung, als das im alltäglichen Leben der Fall ist.

Wenn man dabei den Tod miteinbezieht, heißt das doch im Grunde genommen nichts anderes, als daß man einen geistigen Standpunkt einnimmt und mit einem tiefen Ernst und großer Wahrhaftigkeit auf sein Leben schaut. Man wird dann sicher bemerken, daß viele irdische Güter und Freuden doch sehr relativ und nur zeitlich bedingt sind. Vieles von dem, was einem auf Erden wichtig ist, entpuppt sich dann als Schall und Rauch und verliert vollkommen an Bedeutung.

K.-D.N.: Kann man den Tod als Begleiter betrachten, den man als Ratgeber befragen kann?

W. Gädeke: In dem Sinne, wie wir es jetzt schon besprochen haben, macht man den Tod ja zum Ratgeber, indem man ihn in das Bewußtsein integriert. Ich würde aber nicht sagen, daß der Tod von allein ein Ratgeber ist. Den Tod als Wesen zu denken hat eine lange Tradition. Die Personifikation des Todes kommt nicht nur im Bild des Knochen- oder Sensenmanns zum Ausdruck, sondern z.B. auch in einer Vorstellung, die besonders hier in Norddeutschland tradiert wurde, daß man vom Tod als Freund Hein spricht, der mit einem geht und einem eventuell auch auf die Schultern tippt. Wie weit man das wesenhaft denkt, hängt dann von der jeweiligen Anschauung des Menschen ab.

Aber das scheint mir auch nicht das Entscheidende zu sein. Denn auf jeden Fall wird es für das Leben fruchtbar sein, wenn man unter dem Gesichtspunkt des Todes, oder besser gesagt: unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, manche Dinge betrachtet, die für uns normalerweise selbstverständlich sind. Sie erscheinen dann in einem anderen Licht. Normalerweise haben wir in unserem Erdenleben durch unser zentriertes, an den Leib gebundenes Bewußtsein auf vieles doch nur eine Froschperspektive. Und die wird zumindest ein Stückweit aufgehoben, wenn man sich um eine realistischere, auch Geistiges umfassende Perspektive bemüht, indem man den Tod miteinbezieht.

 

 

 

3.

Wenige Tage vor seinem Tod führte Wolfgang Weirauch mit Walther Voigt, Priester der Christengemeinschaft, ein Interview über seine Erlebnisse mit Verstorbenen, den Tod, die Zeit nach dem Tod und die Sterbesakramente. Lesen Sie folgenden Auszug aus dem Interview "Die Weihe des Todes":

 

Wolfgang Weirauch: Wann und wodurch sind Sie in Ihrem Leben zum ersten Mal dem Tod begegnet?

Walther Voigt: Begegnungen mit dem Tod sind viel häufiger als man denkt. Aber man achtet nicht auf den Tod, weil man zu stark mit dem alltäglichen Leben beschäftigt ist und auch weil man sich unter dem Tod ein absolutes Ende vorstellt. Aber zwischen den Zeilen des Lebens kann man den Tod erkennen. Das kann im Laufe des Lebens so deutlich werden, daß es wie eine leise Weihe empfunden werden kann. Manche nennen dies auch ein leises Lied, das immer mitklingt, aber nicht als Mahnung vor drohender Gefahr, sondern als Mahnung zur Dankbarkeit für alles Leben. Vielleicht könnte man den Tod als Salz des Lebens bezeichnen.

 

Den Tod vor Augen

Als Siebenjähriger hatte ich plötzlich ein Loch im Zahn. Das war für mich ein ganz furchtbares Erlebnis, denn ich spürte, daß man bereits am lebendigen Leib zu verfaulen beginnt. Dieser Schreck war für mich wirklich ein erster Todesschreck. – Im Alter von zehn Jahren bekam ich einen Blick für die Augen der Erwachsenen. Darunter fielen mir besonders die ehemaligen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg auf. Ihre Augen sagten mir, daß sie mehr wußten, mehr erlebt hatten. So wie ich als kleiner Junge ein Loch im Zahn hatte, so erlebten diese Soldaten durch die furchtbaren Schrecken des Weltkriegs ein Loch in ihrem Leben.

Später ist mir der Tod an Barlachs "Magdeburger Ehrenmal" deutlich geworden. Eine der Figuren, die mit der Pickelhaube, ist ein Soldat im Ersten Weltkrieg, und er steckt seine Hände in seine Mantelärmel und macht ein Gesicht mit dem Ausdruck: Ich will nicht! Der andere, der mit dem Stahlhelm, ist ein Soldat aus dem Jahre 1918, der bereits den ganzen Krieg mitgemacht hat. Er ist eigentlich derjenige, der trotz der Schrecken des Krieges dazu ja sagt, was vor allem an dem Ausdruck seiner Augen zu erkennen ist. Zwischen den beiden, hinter einem Kreuz, steht dann die dritte Gestalt mit einem Kopfverband. Die Augen dieses Menschen sind ganz groß auf etwas Unsichtbares gerichtet. An diesem "Magdeburger Ehrenmal" habe ich wieder das gefunden, was ich in den Augen vieler Soldaten entdeckt habe. Ich erlebte dabei etwas, was ich heute den Beginn einer Einweihung nennen würde.

W.W.: Auf welche Weise sind Sie während des Zweiten Weltkriegs mit dem Tod konfrontiert worden?

W. Voigt: Ich wurde Anfang 1942 als Soldat nach Rußland geschickt. In Rußland hatte ich eine Vorschau meines eigenen Todes. Ich sah mich in einer bestimmten Situation und erkannte, wie eine Granate auf mich zuflog, die meinen Leib in zwei Teile auseinanderriß. – Kurze Zeit darauf trat diese Situation wirklich ein. Ich befand mich an dem von mir geschauten Ort und hörte die Granate heranpfeifen. Sie schlug direkt vor meinen Füßen ein, aber es war ein Blindgänger. In diesem Moment realisierte ich wieder die Vorausschau dieses Ereignisses. Das war eine hautnahe Begegnung mit dem Tod.

Ich erlebte den Tod aber auch an den anderen Soldaten. Beispielsweise bekam ich einen jungen Ersatzmann zugeteilt, der sich eine Kornblume in das Tarnband des Stahlhelms steckte. Als ich diese Blume sah, durchzuckte es mich: "Er wird nun fallen. Er hat sich zum Tod geschmückt" – und so war es dann auch. – Oder ich erinnere mich an einen anderen Soldaten, der seinen Urlaubsschein schon in der Tasche hatte, aber noch freiwillig einen Angriff mitmachte und dabei zu Tode kam. Dieser Mensch war innerlich schon auf der Reise zu seinen Angehörigen, allerdings auf eine andere Weise, als er es sich gedacht hatte. So etwas habe ich oft erlebt.

Bei einem anderen Erlebnis stand ich mit einem Obergefreiten in einem Schützengraben. Wir standen so dicht beieinander, daß sich höchstens 10 cm Spielraum zwischen uns befand. Und mit einem Male zischte ein Infanteriegeschoß zwischen uns hindurch in die Grabenwand. Da ich mich in diesem Moment mit dem Obergefreiten im Gespräch befand, konnte ich ihm in die Augen schauen, als das Geschoß zwischen uns hindurchpfiff. Dabei bemerkte ich eine Art Riß, der durch sein Auge ging. Hinterher schaute er mich an, so als ob er fragen wollte: "Hast du ihn auch gesehen, den Tod?" Auf diese Weise ist mir in dieser Zeit der Tod nahe gewesen.

 

Gespräch mit einem Verstorbenen

W.W.: Sind Ihnen während dieser Zeit auch Verstorbene kurz nach ihrem Tod erschienen?

W. Voigt: Während der Kriegszeit nicht, aber bald danach. Einige Jahre nach dem Krieg – ich war bereits Pfarrer der Christengemeinschaft – wurde mir mitgeteilt, daß jemand in Rostock verstorben sei. Der Verstorbene befand sich noch in der Pathologie. Ich suchte ihn auf und ließ ihn mir herausfahren. Dabei habe ich ihn ganz intensiv angeschaut, erinnerte mich auch an Begegnungen mit ihm und fragte ihn innerlich: "Was brauchst du jetzt?" Und dieser Verstorbene antwortete mir: "Zeige mir das Bild über dem Altar." Ich habe ihm dann dieses Bild innerlich nachgezeichnet. Eine weitere Frage von ihm galt dem Vaterunser, das ich ihm dann gesprochen habe. In diesem Moment kehrte ein tiefer Friede ein, und er nahm Abschied.

Ein anderes Erlebnis hatte ich mit einem verstorbenen Verwandten. Ich trat an den aufgebahrten Leichnam und wollte gegen Mitternacht die Totenwache übernehmen. Als ich die Tür zum Aufbahrungsraum öffnete, kam mir mein Verwandter entgegen, zwar nicht als übersinnliche Gestalt, aber doch konkret wahrnehmbar von Herz zu Herz. Er sagte: "Wie schön, daß du da bist." Ich setzte mich und wollte beginnen, aus dem Johannesevangelium vorzulesen. Aber er wehrte ab und sagte zu mir: "Nein, nein, erst wollen wir miteinander sprechen." Und dann hat er ungefähr eine Stunde lang die heitersten Dinge aus seinem Leben erzählt. Dieses Erlebnis war wirklich und wahr, weil es so unerwartet kam. Und plötzlich sagte er: "Jetzt mußt du aber lesen." Ich war erstaunt, daß er das so plötzlich und energisch verlangte, merkte aber sehr bald warum. Es begann ein ungeheurer Kampf, und es war mir beim Vorlesen, als wenn mir die Worte innerlich zerrissen würden. Ich mußte die Worte des Johannesevangeliums ganz stark mit innerer Konzentration sprechen. Dieses Ringen dauerte fast eine Stunde, dann hörte der Kampf auf, und ich sah draußen durch das Fenster das Morgengrauen. In dem Augenblick, in dem die Sonne die Nacht zu verdrängen begann, war der Kampf vorbei.

Ich selbst hatte dabei den Eindruck, daß dieser Verstorbene am dritten Tag nach seinem Tod seinen Ätherleib entließ. Jetzt hat er keine Macht mehr über ihn, und es dringen an ihn oft Wesen heran, die sich gern in der Nähe des Menschen aufhalten, um Teile aus diesem Ätherleib herauszureißen. Daß man in dieser Situation konkret durch das Lesen des Johannesevangeliums helfen kann, habe ich am eigenen Leib gespürt.

W.W.: Warum erscheint ein Verstorbener kurz nach seinem Tod Verwandten oder guten Bekannten?

W. Voigt: Das ist immer wie eine lebendige Begegnung. Der Verstorbene sucht offene Türen. Und wo er solche findet, da erscheint er. Diese Tür ist aber nur offen, wenn man Liebe zu ihm empfindet. Wenn wir diese Liebe zu ihm aufbringen, dann kommt der Verstorbene, damit wir auch sicher wissen, daß er da ist. Er will zeigen, daß er anwesend ist. Wenn sich der Verstorbene von uns Lebenden gewußt weiß, gibt ihm das auch die Sicherheit, daß er auch von höheren Wesen wahrgenommen wird. Insofern ist die Verbindung zu den Lebenden eine Hilfe für den Verstorbenen.

 


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